Ungleiche Brüder

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Filmkritik
03/09/2016

"Der Spion und sein Bruder": Anarchowitze aus der 00-Sphäre

Hat James Bond eigentlich einen Bruder? Zu Ohren gekommen ist uns zumindest nichts davon, aber vielleicht schweigt ihn 007 aus guten Gründen auch tot? Es könnte sich ja um einen bierbäuchigen kinderreichen Superprolo handeln, der in einem britischen Arbeiterslum von der Sozialfürsorge lebt und für den man sich schämen müsste.

Ob das bei Bond der Fall ist, sie einmal dahingestellt, auf seinen Berufskollegen Sebastian Butcher vom MI6 trifft es jedenfalls zu. Als das Schicksal die seit vielen Jahren voneinander getrennten Brüder wieder zusammenführt, bildet das den Auftakt zu einem maßlosen Spaß, der vor nichts zurückschreckt und dem nichts heilig ist (abgesehen von Fußball vielleicht).

Baron Cohen hat sich in seinem Erscheinungsbild diesmal eindeutig an Liam Gallagher von ‚Oasis‘ orientiert - und diese Ähnlichkeit muss auch noch für einen Schlussgag herhalten. Mark Strong in der Rolle des großen Agenten-Bruders macht seine Sache als taffe Killermaschine zwar sehr gut, aber eigentlich hätte man ruhig Jason Statham casten sollen – der wäre als glatzköpfiger Van Diesel-Lookalike ebenfalls perfekt gewesen und hätte sein großes komödiantisches Talent ausspielen können, das er viel zu selten einsetzen darf.

Kurz & deftig

Mit nicht einmal 85 Minuten Laufzeit kommt dieser Film stark abgespeckt daher, doch keine Angst: irgendwelche deftigen Szenen sind der Zensur bestimmt nicht zum Opfer gefallen, denn es wäre schwer vorstellbar, den bereits vorhandenen schlechten Geschmack noch zu überbieten. Um sich mehr aufs wirklich derbe Treiben konzentrieren zu können, haben die Filmemacher halt einfach anderswo Zeit eingespart: selten zuvor ist eine Reise von England nach Südafrika so schnell über die Filmbühne gegangen - innerhalb von knapp 20 Sekunden sind die beiden Brüder im Frachtraum eines Flugzeugs verstaut, am Zielort gelandet, mit fahrbaren Untersätzen versorgt und mitten im Geheimdienst-Trubel angekommen.

Um eine weltweite Bedrohung abzuwenden, mobilisiert der Prolobruder immer wieder die sozial unterprivilegierte Schicht, aus der sich angeblich die Bevölkerung des Örtchens Grimsby zusammensetzt. Gedreht wurde allerdings nicht im realen Ort dieses Namens, weil das vermutlich aus Empörung der Einwohner zu einem Volksaufstand geführt hätte; immerhin hat der Bürgermeister von Grimsby als Reaktion auf den Film bereits einen Werbespot produzieren lassen, um zu zeigen, wie schön es doch eigentlich in dem Städtchen ist.

Im Elefantenversteck

Ein Paradebeispiel für Cohns bizarren Humor bietet eine Szene mit Elefanten, die besonders heftig ausgefallen ist (und als deren Anregung wohl eine geradezu harmlose Nashorn-Szene aus „Ace Ventura“ gedient hat). Abgesehen von der 00-Sphäre mit analen Toilettenwitzen kommt auch die Action nicht zu kurz, denn was rasante Auseinandersetzungen betrifft, hat „Der Spion und sein Bruder“ tatsächlich einiges aufzuwarten: gerade die Vorspannsequenz in Ego Shooter-Perspektive braucht den Vergleich mit ernsthaft betriebenen Verfolgungsjagden nicht zu scheuen. Man merkt eben, dass in Gestalt des „Transporter“-Regisseurs Louis Leterrier ein richtiger Profi die Inszenierung übernommen hat.

Dem Agenten-Genre hätte nichts Besseres passieren können, als das Zusammentreffen mit Sacha Baron Cohen. Statt den zahlreichen halbherzigen bis halblustigen Bond-Ablegern einen neuen hinzuzufügen, hat er mit seinem unverkennbaren Anarchohumor dem britischen Agententreiben eine freundvoll freche und frivole Frischzellenkur verordnet. 7 von 10 schlüpfrigen Elefantenverstecken.

franco schedl

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