Filmkritiken
31.08.2016

"Die fast perfekte Welt der Pauline": Ein Glücks-Fall ins Koma

Darth Vader schickt einen Musiklehrer ins Koma und das stellt sich als großes Glück für alle Beteiligten heraus. So knapp lässt sich die Geschichte von Marie Belhommes erfreulichem Erstlingsfilm zusammenfassen. Damit die Sache aber wirklich nachvollziehbar wird, sind schon noch ein paar weitere Sätze nötig.

Der perfekte Mann ist bewusstlos

Die titelgebende Pauline ist nicht mehr ganz Kind, aber auch keine richtige Erwachsene. Die liebenswert linkische Frau hat mit 39 noch immer keinen richtigen Platz in der Welt gefunden. Als musikalische Entertainerin auf Kindergeburtstagen oder in Altersheimen schlüpft sie in verrückte Kostüme und hält sich finanziell grade mal so über Wasser. Außerdem ist sie offenbar auf dem besten Weg, eine alte Jungfer zu werden, denn sie legt dem andern Geschlecht gegenüber eine geradezu krankhafte Zurückhaltung an den Tag. Doch als sie auf einer Mülldeponie landet und mit ihrer Darth Vader-Verkleidung ungewollt einen Mann erschreckt, was zu einem folgenschweren Unfall führt, ändert sich für sie schlagartig alles. Von Schuldgefühlen geplagt, weil sie auch noch Fahrerflucht begangen hat, drängt sie sich immer mehr ins Leben ihres ‚Opfers‘ Fabrice, der gar nichts davon weiß, weil er ja wehr- und bewusstlos ist. Für die scheue Seele Pauline erweist es sich jedenfalls als Vorteil, dass der Mann geistig weggetreten im Krankenhausbett liegt, denn andernfalls wäre sie bestimmt nie auf die Idee gekommen, sich ihm zu nähern.

Eine genial unbeholfene Hauptdarstellerin

Wenn man die Inhaltsangabe liest, wirkt die Handlung vielleicht etwas weit hergeholt und unwahrscheinlich, doch im Film ergeben sich die Entwicklungen dann ganz selbstverständlich und folgerichtig - eine Entscheidung führt zur nächsten. Noch dazu spielt Isabelle Carré ("Die anonymen Romantiker") diese Frau auf geradezu geniale Weise: Man muss sie einfach sympathisch finden, wenn sie unbeholfen und schlaksig durchs Leben läuft. Gleichermaßen schusselig und schüchtern, steht sie sich meist selbst im Weg und gibt nur allzu oft dem Drang nach, sich für alles und jedes zu entschuldigen. „Die Menschen, die zweifeln“ - das im Film zu hörende Chanson von Anne Sylvestre - könnte eigens für sie komponiert worden sein.

Sprachliche Seltsamkeiten

Nicht nur Fabrice wurde ein (Unfall)Opfer, sondern auch Pauline kommt nicht ungeschoren davon. Während der Originaltitel bloß „Les Chaises Musicales“ lautet (ein Spiel, das wir „Reise nach Jesusalem“ nennen würden), hat man die Frau nämlich auf Grund einer grassierenden Eindeutschungswut von französischen Filmkomödien kurzerhand zu Amélies Schwester erklärt und obendrein einen Namenswechsel vorgenommen, da Pauline ursprünglich eigentlich Perrine heißt - darum ist ihre Welt wohl auch nur „fast“ perfekt.

8 von 10 geigenden Frauen in Bananenkostümen.

franco schedl

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