Filmkritiken
17.02.2011

DISLIKE A ROLLING STONE

Ein Mann trifft einen Stein – oder ein Stein trifft einen Mann. Wie man es auch dreht und wendet, die beiden gehören zusammen, waren seit jeher füreinander bestimmt. Zumindest nach Ansicht des Trekking-Freaks und Outdoor-Junkys Aron Ralston, der 2003 in Form eines Felsblocks seinem Schicksal begegnet. Als der überzeugte Einzel-Gänger in einen Canyon-Spalt im unwegsamsten Hinterland von Utah stürzt, klemmt ihm der schwere Stein nämlich den rechten Unterarm ein und sitzt so fest zwischen den engen Felswänden verkeilt, dass er sich unmöglich von einer Einzelperson entfernen lässt (und schon gar nicht vom unmittelbar Betroffenen oder Bedrückten selbst). Mit Ameisen, Raben, Geckos und seinem Camcorder als einziger Gesellschaft, muss Ralston in seiner Zwangslage verharren. Was folgt sind qualvolle 5 Tage, die mit einer befreienden Verzweiflungstat enden.

Andere Regisseure hätten die bewegungslose Lage ihres Protagonisten vielleicht für rührende Rückblenden missbraucht, dessen gesamten Familien- und Freundeskreis aufmarschieren und sein komplettes Leben Revue passieren lassen. Danny Boyle setzt diesen Trick zur Aufbesserung der Besetzungsliste eines klaren 1-Personen-Stücks zum Glück nur äußerst sparsam ein und mischt kurze Flashbacks (bereits als Junge wurde Aron vom Vater auf die Canyon-Landschaft konditioniert) mit Wunschvorstellungen (in denen hauptsächlich Trinkbares eine Rolle spielt oder die Befreiung in verschiedensten Variationen vorweggenommen wird) - und mit fortschreitender Stundenzahl stellen sich zudem massive Halluzinationen ein.

Der intensiver Gebrach einer subjektiven Kamera in ungewöhnlichen Perspektiven lässt uns das Geschehen auf engstem Raum hautnah miterleben – zur Auflockerung der klaustrophoben Stimmung setzt Boyle aber auch wirkungsvoll Split-Screen ein.

Etwa gleich zu Beginn, wenn wir Ralston beim abendlichen Aufbruch ins lange Abenteuerwochenende erleben: halbherzig und blind tapst er nach dem Handy im Schrank, lässt es aber einfach liegen, als seine Finger danebengreifen und füllt sich lieber eine Trinkflasche mit Leitungswasser. Die Kamera verweilt dabei im mittleren Bildsegment genüsslich auf den Tropfen, die sich vom Wasserhahn lösen, und da zumindest uns als Zuschauer bereits klar ist, welche Mangelware Wasser bald darstellen wird, können wir diese Szene wirklich voll auskosten.

Aber eigentlich warten wir doch alle auf jene andere Szene, welche schon vor offiziellem Filmstart für die meiste Mundpropaganda gesorgt hat und selbst Angestellte des Filmverleihs zum Ratschlag veranlasst, vor Besuch der Pressevorführung das Frühstück sicherheitshalber ausfallen zu lassen. Die Rede ist natürlich von der Selbstamputation des Unterarms, bei der unser MITleiden leicht in ein mitLEIDEN umschlagen könnte, und die Qual steigert sich durchs Wissen, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht. „Saw“-verwöhnte Splatterfreunde werden die paar Schnitt-Sekunden jedenfalls locker verkraften und hätten vermutlich gern einen noch genaueren Blick auf die Operation geworfen, den uns Boyle aber durch hektische Kameraführung verwehrt. „127 Hours“ hat auch gar nicht nötig, mit besonders blutigen Effekten aufzutrumpfen, denn die Hauptfigur lernt den Wert des Lebens neu schätzen, ohne dass ein Jigsaw-Killer der Natur ins Handwerk pfuscht.

James Franco als zäher Schmerzensmann hält die 90 Minuten locker mit Links zusammen und verdient demgemäß weitherzige 9 Punkte für diesen beengenden Psychotrip auf meiner 10stelligen Skala traumatisierender Trekking-Filme.