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Filmkritiken
08/13/2018

"Ein Dorf zieht blank": Ziemlich nackte Bauern

Ein Dorf in der Normandie soll durch ein spektakuläres Foto ins Interesse der Weltöffentlichkeit rücken.

Kann man die Welt verändern, indem man sich auszieht? Georges „Balbu” Balbuzard (François Cluzet), Bürgermeister eines Dorfes in der Normandie, glaubt zumindest daran. Sein Ort steckt in der Krise: die Bauern sind verschuldet, der Verkauf ihrer Produkte stagniert durch Preisdumping und die Verzweiflung ist groß.  Einmal sind sie bereits in Begleitung ihrer Kühe auf die Nationalstraße gezogen, haben der Verkehr blockiert und protestiert, doch das war den örtlichen TV-Stationen bloß einen kurzen Beitrag wert.

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Ausziehen für eine gute Sache

Als ein weltberühmter amerikanischer Fotograf ( Toby Jones) durch Zufall in dem abgelegenen Dorf landet, ist er sofort vom Anblick einer bestimmten Wiese fasziniert und will dort unbedingt eines seiner ganz speziellen Natur-Bilder schießen, auf denen immer hunderte splitterfasernackte Menschen zu sehen sind. Der Bürgermeister erkennt die große Chance, dadurch internationale Aufmerksamkeit für die wirtschaftlichen Probleme zu erregen, doch zunächst muss er erst mal seine ziemlich starrsinnigen Land-Leute davon überzeugen, wie wichtig es ist, für dieses Projekt aus den Kleidern zu schlüpfen. Immerhin gibt es da den Spruch: „Sogar im Sommer behält der Mensch aus der Normandie den Pullover an“. Die Dorfbewohner sind zudem sehr erdverbunden, aber zugleich streitsüchtig und nachtragend. Das erleben wir zum Beispiel bei unklaren Besitzverhältnisse, die sich schon über Generationen hinziehen. Und auch die 70 Jahre zurückliegenden Vorfälle im Zweiten Weltkrieg werden sofort herbeizitiert, um zu begründen, warum man auf Amerikaner ganz allgemein schlecht zu sprechen ist.

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Einblicke in die französische Seele

Regisseur Philippe Le Guay („Nur für Personal!“ oder „Molière auf dem Fahrrad“) inszeniert hier den idealen tragikomischen Sommerfilm und wirft einen tiefen Blick in die französische Seele. Die Bewohner der Ortschaft bieten Stoff für etliche Geschichten und Nebenhandlungen: da gibt es zum Beispiel den Fleischauer, dessen Frau eine Dorfschönheit ist und der – notfalls sogar mit dem Messer – verhindern möchte, dass sie sich nackt aufs Feld stellt; oder den sturen Bauern, der das Landstück, auf dem das Foto gemacht werden soll, mit der Schusswaffe in der Hand verteidigt; und ein bigotter Apotheker würde es als Verstoß gegen die göttlichen Gebote betrachten, falls sich die Leute im Adam- und Evakostüm zeigen.

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Der Mann mit dem Babygesicht

Auch der junge Erbe eines alten Fotoladens spielt eine wichtige Rolle; und ein noch jüngeres Mädchen aus Paris betätigt sich als gelegentliche Erzählerin, um uns durch die Filmhandlung zu führen. François Cluzet (aus „Ziemlich beste Freunde“) verkörpert den rebellischen Bürgermeister voller Elan und mitreißender Beredsamkeit, und Toby Jones hinterlässt als exzentrischer Fotokünstler bleibende Eindrücke: wie der winzige Mann mit dem Gesicht eines alten Babys die fremdartige Umgebung auf sich wirken lässt, unbedingt einmal Blutwurst kosten möchte oder vor gewaltbereiten Einheimischen die Flucht ergreift, gehört eindeutig zu den Höhepunkten des Films.

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Glückliche Bauern

Ob die sozialkritischen Untertöne sich in der turbulenten Geschichte Gehör verschaffen können und ob das Foto, falls es denn überhaupt zustande kommt, wirklich etwas für die Dorfbewohner bewirken würde, ist zwar zu bezweifeln, aber zumindest haben wir als Zuschauer doch gewisse Einblicke erhalten, mit welchen Schwierigkeiten Landwirte des 21. Jahrhunderts klarkommen müssen. Sich nackt auf eine taufeuchte Wiese zu stellen, kann die Probleme sicher nicht lösen, doch zumindest vorübergehend für Wohlbefinden sorgen und die körpereigenen Abwehrkräfte stärken. Glückliche Bauern sind eben genauso wichtig wie glückliche Kühe.

3 von 5 blankpolierten Fotolinsen

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Regisseur Philippe Le Guay wirft einen humorvollen Blick in die französische Seele, wenn ein Bürgermeister durch ein ungewöhnliches Mittel seinen Ort zu retten versucht.