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© Constantin

Filmkritik
02/12/2020

"Bombshell - Das Ende des Schweigens": Frauenaufstand gegen den Big Boss

Nicole Kidman, Charlize Theron und Margot Robbie treten in diesem Film über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gegen einen mächtigen Medienmogul an.

von Franco Schedl

Dies ist die wahre Geschichte eines in jeder Beziehung mächtigen Mannes, der sich seinen Einfluss zunutze macht, weil er entscheiden kann, welche Frau vor die Kamera treten darf: langbeinige junge Blondinen in möglichst kurzer Kleidung zählen zu seinem Beuteschema und er vergibt Karriere-Chancen gegen sogenannte Gefälligkeiten. Sein Name lautet aber nicht Harvey Weinstein, sondern Roger Ailes. Er war der Chef des reißerischen Nachrichtensenders Fox News, doch 2016, ein Jahr vor seinem Tod, musste er von seinem Posten zurücktreten, weil viele Frauen Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen ihn erhoben hatten.   Eigentlich hätte bereits diese Affäre die #metoo-Bewegung ins Leben rufen müssen, aber immerhin hat sie nun zu diesem recht beeindruckenden Film geführt.  

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Ein Opfer wehrt sich

Nach Jahren der stillen Duldung will Anchorwoman Gretchen Carlson (Nicole Kidman) die unausgesetzten Schikanen und sexuellen Anzüglichkeiten durch ihren Chef nicht länger hinnehmen und beschließt, die Sache publik zu machen.  Dadurch ist sie rasch ihren Job los und muss die desillusionierende Erfahrung machen, dass ihre Ex-Kolleginnen sie nicht unterstützen, sondern zu Ailes halten. Sobald die Anschuldigungen gegen den Big Boss publik wurden, treten nämlich sofort die Speichellecker in Aktion und verteilen T-Shirts, deren TrägerInnen sich als Ailes-Unterstützer outen. Doch dann bricht auch die Star-Journalistin Megyn Kelly (Charlize Theron) ihr Schweigen und plötzlich werden immer mehr Stimmen laut, um Ailes Fehlverhalten anzuprangern. Der so unüberwindlich scheinende Medienmogul kann sich nicht mehr lange hinter seiner Macht verschanzen. Während Carlson und Kelly reale Personen sind, tritt uns in Gestalt von Kayla Pospisil  eine erfundene Figur entgegen: Margot Robbie verkörpert diese junge News-Produzentin, die zu Ailes  letztem Opfer wird.

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Das System "Fox News"

Regisseur Jay Roach kommt zwar von der Komödie („Austin Powers“ und „Dinner für Spinner“), ist aber mit „Trumbo“ bereits ins erste Fach und das Biopic-Genre gewechselt. Nun bietet er nicht nur die Schilderung von einzelnen Frauenschicksalen, sondern sein Film lässt in erster Linie ein System namens "Fox News" vor uns entstehen. Wir erhalten ungeschönte Einblicke in die Hochburg des konservativen, republikanischen und Trump-freundlichen Amerikas (und der politische Aufstieg des künftigen Präsidenten spielt hier tatsächlich eine wichtige Rolle - auch Trumps Frauenbild scheint dem von Ailes auf erschreckende Weise zu ähneln.) Wir als Kinobesucher bekommen sozusagen einen Crashkurs im Erstellen von populistischen Nachrichten, die auf Panikmache und reißerischen Stimulus ausgerichtet sind.

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Lithgow im Fatsuit

Medienmogul Ailes (hinreißend widerlich von John Lithgow in einem gewaltigen Fatsuit gespielt) hat im Auftrag des Billionärs Rupert Murdoch diesen Sender geschaffen und ihm zu unglaublichem Erfolg verholfen.  2016 ist Ailes zwar schwer übergewichtig, auf eine Gehhilfe angewiesen und Bluter (an dieser Erbkrankheit wird er schließlich auch sterben), doch sobald ihm seine ältere Sekretärin ein neues vielversprechendes Mädchen ins Büro schickt, treibt er weiterhin seine bösen Machtspielchen. Zugleich ist der Film um Ausgewogenheit bemüht und verschweigt nicht, dass Ailes bisweilen auch ohne Hintergedanken sehr großzügig und zuvorkommen sein konnte und eine soziale Ader hatte.  

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Paranoia

Außerdem war der Mann extrem paranoid und verfügte über klare Feindbilder: überall wittert er Verschwörungen und glaubt sogar, dass die Obama-Regierung einen Killer auf ihn ansetzt. Seinen weiblichen Opfern würde man solche Paranoia nachsehen, denn „Bombshell“ zeigt, welche unerträgliche Anspannung in dem "Fox News" Bürogebäude herrscht und lässt die Gefühle dieser Frauen nachvollziehbar werden: wie sie in einer Mischung aus Wut, Verunsicherung, Misstrauen und Scham auch noch Angst entwickeln. Ein geradezu körperliches Unbehagen überträgt sich auf die Zuschauer und man rechnet mit dem Schlimmsten; so entsteht mitunter eine Stimmung, die man eher in einem Thriller erwarten würde (sogar ein harmloser Überraschungsbesuch der Familie in Gretchens Garderobe wirkt beinahe wie ein Attentat).

Dabei hatte Ailes ja noch Glück, nicht im falsche Film gelandet zu sein: man stelle sich vor, was mit ihm passiert wäre, wenn er Margot Robbie als Harley Quinn getroffen hätte.
 

4 von 5 hochgeschobenen Frauenröcken

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