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Filmkritik
01/23/2019

"Creed II": Boxkampf mit der Vergangenheit

Adonis „Donnie“ Creed steigt mit Rockys Hilfe erneut in den Ring und trägt einen Kampf gegen seinen härtesten Gegner aus.

von Franco Schedl

Rocky hat seine Boxhandschuhe schon lange an den Nagel gehängt (sein letzter bekannter Kampf vor laufenden Kameras wurde im Jahr 2006 ausgetragen, wovon man sich in „Rocky Balboa“ überzeugen kann). Doch immerhin gibt er sein Wissen weiter und erfüllt seit 2015 seine Aufgabe als Trainer des vielversprechenden jungen Adonis „Donnie“ Creed (Michael B. Jordan). Nachdem sich Donnie im ersten „Creed“-Film die Sympathie der Massen erworben hat und als neue Hoffnung im Halbschwergewicht gehandelt wurde, qualifiziert er sich nun als echter Champion. Doch die größte Bewährungsprobe steht ihm erst noch bevor: er soll gegen den Sohn jenes Mannes antreten, der einst im Ring seinen Vater getötet hat.

 

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Ein alter Gegner

Dolph Lundgren setzt als Ivan Drago auch über 30 Jahre später noch immer seinen finstersten Gesichtsausdruck auf und schont seine Stimmbänder. Der Russe lässt es sich nicht nehmen, seinen Sohn Viktor (Florian Munteanu) selber auf diesen Kampf vorzubereiten. Der Sprössling ist ein wahres Kraftpaket und die stählerne Muskelmasse wird vor allem durch Zorn zusammengehalten, denn sein Vater stachelt ihn ständig auf.  Immerhin ist Ivans Hass gewaltig: nach Rockys Sieg über ihn war seine Boxerkarriere beendet und auch seine Frau hat ihn verlassen, weil sie mit einem Versager, der Schande über die Sowjetunion gebracht hat, nichts mehr zu tun haben wollte. Inzwischen leben die beiden Dragos in der Ukraine und in den Straßen von Kiew hat der Junior allerlei schmutzige Kampfticks gelernt. Es ist klar, dass eine Herausforderung durch ihn für seinen Gegner wirklich übel enden kann. Als Rocky von dem Vorhaben erfährt, weigert er sich noch dazu, Donnie zu trainieren. Das kann nicht gut gehen, und wenn nach ca. 50 Filmminuten die erste Runde in diesem Schaukampf beginnt, müssen wir uns ernsthafte Sorgen um Donnies Gesundheit machen.

 

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Wiederholte Boxkämpfe

Creed“ bleibt auch im zweiten Teil dem bewährten Konzept treu: Boxkämpfe, die einst von Rocky ausgetragen wurden, finden ihre Wiederholung in einer jüngeren Generation. Allerdings bestehen doch gewisse Unterschiede: denn Donnie übernimmt nun gleich beide Fights, die in „Rocky IV - Der Kampf des Jahrhunderts“ noch auf Apollo Creed und Rocky Balboa aufgeteilt waren. Außerdem hat die politische Dimension inzwischen an Bedeutung verloren. Der Kalte Krieg ist für die neuen Kämpfer kein Thema mehr – stattdessen werde sie von sehr persönlichen Beweggründe angetrieben und alte Rechnungen sollen beglichen werden.

Es war immer eines der Erfolgsrezepte der „Rocky“-Reihe, die Konflikte schön einfach und leicht nachvollziehbar zu gestalten. Hier kann ein richtiger Aufwärtshaken alles regeln und Durchhaltevermögen ist gefragt. Selbst wenn man zuvor durch einen Dampfhammerschwinger des Gegners auf dem Boden gelandet ist, die Nieren zu Brei geklopft wurden und die gebrochenen Rippen schon fast aus der Luftröhre ragen – spätestens bei der ausgerufenen Zahl 9 muss man wieder auf den Beinen sein.

 

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Ungewöhnliches Training

Nachdem Rocky schließlich doch Creeds Training übernommen hat, kann es ja nur noch aufwärts gehen. Er setzt auf unkonventionelle Methoden: in einem abgelegenen Wüstencamp, wo sich angeschlagene Kämpfer wieder hochboxen, bereitet er seinen Schützling auf den alles entscheidenden Ring-Kampf vor, der selbstverständlich in Moskau über die Bretter gehen soll (und bei dieser Gelegenheit wird sogar Brigitte Nielsen als Dragos Ex-Frau im Zuschauerraum Platz nehmen).

 

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Blick aufs Privatleben

Trotzdem verherrlicht Stallone, von dem erneut das Drehbuch stammt, nicht nur reine Muskelkraft, sondern verleiht den Charakteren zugleich etwas Tiefe. So nimmt auch Creeds Privatleben wieder eine große Rolle ein: wir erfahren, wie es zwischen ihm und seiner Freundin Bianca (Tessa Thompson) weitergeht, die beiden wechseln den Wohnort und ein wichtiger Familienzuwachs kündigt sich an.  Rocky selbst hat seine Krebserkrankung offenbar gut überstanden und die eigentliche Herausforderung besteht für ihn nun darin, eine Mischung aus Scheu und Stolz zu überwinden, um nach langer Pause endlich wieder Kontakt mit seinem Sohn aufzunehmen und sein Enkelkind erstmals kennenzulernen. Die wichtigsten Kämpfe finden halt doch abseits des Boxringes in uns selber statt.

3 1/2 von 5 angeknacksten Rippenbögen

Der neue Champion Adonis Creed steigt diesmal in den Ring, um gegen Ivan Dragos Sohn zu kämpfen.