doctor-sleep-4.jpg

© Warner Bros.

Filmkritik
11/19/2019

"Doctor Sleeps Erwachen": Finale im Overlook Hotel mit King & Kubrick

Regisseur Mike Flanagan liefert mit dieser "Shining"-Fortsetzung eine der stimmigsten King-Verflimungen.

von Franco Schedl

Was ist eigentlich aus dem kleinen Jungen mit der ungewöhnlichen Gabe geworden, den sein besessener Vater im eingeschneiten Overlook Hotel fast umgebracht hätte? Dan Torrance (Ewan McGregor) ist mittlerweile erwachsen und schwerer Alkoholiker, da ihm die Schrecken der Kindheit keine Ruhe lassen. Wie ein Gehetzter zieht er ruhelos von Stadt zu Stadt. Er verfügt noch immer über das sogenannte Shining und setzt es, nachdem er seine Trunksucht schließlich überwunden hat, für einen guten Zweck ein: an seinem neuen Arbeitsplatz leistet er eine spezielle Art von Sterbehilfe, indem er Todkranken den Weg ins Jenseits erleichtert.  

doctor-sleep-1.jpg

Shining-Vampire

Als ein kleines Mädchen telepathisch mit ihm Kontakt aufnimmt, holt ihn dann die Vergangenheit endgültig ein. Diese junge Abra (die vielversprechende Newcomerin Kyliegh Curran) wird von einer Gruppe namens „Der Wahre Knoten“ gejagt, deren Anführerin Rose the Hat (eine beängstigend gute Rebecca Ferguson) darauf spezialisiert ist, Kinder aufzuspüren, die über das Shining verfügen. Die Mitglieder der Gruppe ernähren sich nämlich von dieser Kraft und erlangen dadurch beinahe Unsterblichkeit – aber die bedauernswerten Kinder sterben bei dem Ritual einen qualvollen Tod; und da Abras Kräfte gigantisch sind, steht sie ganz oben auf der Wunschliste dieser Shining-Vampire.

doctor-sleep-5.jpg

Ein neues Finale

Man kann nur darüber staunen, wie unglaublich nahe Regisseur Mike Flanagan an der Romanvorlage bleibt, auf welche atemberaubende Weise er die geschriebenen Worte in spektakuläre Bilder umzusetzen versteht und wie geschickt und ökonomisch sein Drehbuch Schlüsselszenen des umfangreichen Werks (die übliche King-Size eben) miteinander in Verbindung zu setzen weiß. Das soeben Gesagte trifft zumindest auf die erste Filmhälfte zu. Danach betritt Flanagan nämlich Neuland und weicht komplett von Kings Vorgaben ab. Manche Leser wird das womöglich enttäuschen, doch das wäre ein Fehler, da Flanagan ein dermaßen guter Regisseur ist und die Essenz des Romans einzufangen versteht. Seine Auflösung der Story gefällt mir persönlich sogar besser als Kings Version, weil sie dem originalen "Shining" so nahe wie möglich bleibt. King selber hat ja im Nachwort zu "Doctor Sleep" eingestanden, dass er sich selber gar nicht mehr in allen Details an seinen früheren Roman erinnern konnte und bei der Abfassung des neuen Romans von einem großen Fan manche Hilfestellungen und Hinweise erhalten hat, um Fehler zu vermeiden. 

doctor-sleep-3.jpg

Rückkehr ins Overlook

Mike Flanagan ist zweifellos auch so ein riesengroßer Fan, kennt sich allerdings nicht nur in Literatur aus, sondern hat auch Kubricks "Shining" visuell vollkommen verinnerlicht. Daher kann er es wagen, sich dem Gelände des Overlook Hotels wieder anzunähern, wodurch er uns ein sensationelles Finale beschert. Man wird bei diesen Szenen Gänsehaut haben und zwar nicht bloß deshalb, weil sie so unheimlich wären, sondern weil man sich fühlt, als würde man nach jahrzehntelanger Abwesenheit plötzlich in eine wohlvertraute düstere Umgebung zurückkehren. Die alten Geister melden sich wieder, und in der Hotelbar mixt eine ganz besondere Figur die Drinks.

doctor-sleep-2.jpg

Wer den Roman kennt, kann hier also mit ruhigem Gewissen dennoch ins Kino gehen und wird garantiert mit offenem Mund dasitzen, denn die Verblüffung und Begeisterung nimmt zu, je mehr Zeit vergeht. Dazu kommt ein beeindruckender Soundtrack und sobald Shining-Kräfte eingesetzt werden, kündigt sich das durch pulsierenden Herzschlag an. Mike Flanagan wird also sowohl King als auch Kubrick gerecht und entwickelt als Regisseur die Fähigkeiten eines Hexenmeisters. Das ist nicht weiter verwunderlich – immerhin wurde er ausgerechnet im einschlägig bekannten Salem geboren.

5 von 5 an der Zimmerdecke hängenden Esslöffeln