Filmkritik

© Twentieth Century Fox

Filmkritik
11/08/2019

"Le Mans 66": Pathos-überladenes Motorsport-Biopic für Männer von gestern

Christian Bale und Matt Damon als Rennfahrer-Freunde in einem langatmigen und klischeehaften Biopic von Regisseur James Mangold.

von Erwin Schotzger

Spannende Sportfilme haben schon oft bewiesen, dass ein mitreißender Film keineswegs die Begeisterung für den jeweiligen Sport beim Zuseher voraussetzt. Um "Borg/McEnroe" zu mögen, muss man kein Tennis-Fan sein. "Wie ein wilder Stier" und "Rocky" setzen keine Leidenschaft für den Boxsport voraus. Sogar Filme über hierzulande exotische Sportarten wie Baseball oder American Football, können begeistern.

Motorsport hat es da wesentlich leichter. Immerhin gehört zu jedem anständigen Actionfilm eine spektakulär gefilmte Autoverfolgungsjagd. Außerdem ist Motorsport ein globales Phänomen. Kein Wunder also, dass Motorsportfilme eine lange Tradition haben. Zuletzt hat "Rush – Alles für den Sieg" gezeigt, dass eine Rivalität im Motorsport auch als Biopic spannend sein kann.

"Le Mans 66 – Gegen jede Chance", oder "Ford vs. Ferrari" wie der Film von Regisseur James Mangold im Original heißt, gehört nicht zu diesen sehenswerten Sportfilmen. Mangold, der zuletzt den überschätzten Superhelden-Film "Logan" gemacht hat, liefert hier ein langatmiges, mit Pathos überladenes Heldenepos ab, in dem sich die Welt ausschließlich um männliche Leidenschaften dreht. Männerfreundschaft, Männerfeindschaften, Vater-Sohn-Beziehungen, unterstützende Ehefrauen und die unvergleichliche Leidenschaft, die Männer für eine Sache aufbringen können, werden hier so platt, so pathetisch und so klischeehaft dargestellt, dass man den ganzen Film einfach nicht mehr ernst nehmen kann.

Misslungenes Biopic einer Motorsport-Freundschaft

Leider ist "Le Mans 66" keine Parodie auf die übertriebene Männlichkeit der 60er-Jahren, sondern versteht sich wohl als eine Art episches Biopic über die Freundschaft zwischen dem Rennwagen-Konstrukteur Carroll Shelby (Matt Damon) und dem Rennfahrer Ken Miles (Christian Bale). Aber auch als Epochenportrait wäre der Film aufgrund der Banalisierung sämtlicher (mit einer Ausnahme nur männlichen) Charaktere gründlich misslungen. Die Simplifizierung der Motive von Männern wie Henry Ford II. und Enzo Ferrari, aber auch aller anderen Männer in diesem Film, auf das Niveau von Schulbuben darf auch für die 60er-Jahre bezweifelt werden.

Erzählt wird die Geschichte wie Ford im Jahr 1966 das erste Mal das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewann. Zuvor wollte Ford den finanziell angeschlagenen italienischen Autohersteller Ferrari übernehmen. Doch da der Patriarch der einen Autobauer-Familie, Enzo Ferrari, den Patriarchen der anderen Autobauer-Familie, Henry Ford II., beleidigt (noch dazu, schluchz, mit einem gemeinen Papa-Sohn-Vergleich), wird nichts daraus. Um Ferrari zu demütigen, beschließt Ford die Entwicklung des legendären Ford GT40, der dann tatsächlich ab 1966 viermal in Serie in Le Mans gewann.

Pathos-überladen und Testosteron-getränkt

Die langatmigen ersten 90 Minuten des Films beschäftigen sich mit der Entwicklung des GT40 durch Shelby und Miles. Erst dann sind wir endlich in Le Mans angekommen und der mit 152 Minuten überlange Film gewinnt ein wenig an Fahrt. Aber auch dann bleibt der Film ein mit Pathos überladenes Debakel. Emotion entsteht hier nur durch generische Situationen, die in bewährter Weise auf die Tränendrüse drücken. Dabei kann sich Mangold auf eine durchaus gute Besetzung verlassen. Doch selbst Schauspieler wie Christian Bale, Matt Damon, Jon Bernthal und Caitriona Balfe wirken bei so seichter Charakterisierung einfach nur wie in einer Seifenoper.

Allen voran Christian Bale! Nach seiner atemberaubenden Verwandlung in "Vice: Der zweite Mann" liefert der dafür mit dem Golden Globe ausgezeichnete (und Oscar-nominierte) Meistermime hier eine nahezu lächerlich unglaubwürdige Darbietung ab: In unzähligen Nahaufnahmen schaut er bedeutungsschwanger, mit nach unten gezogenen Mundwinkeln und in die Ferne schweifendem Blick an der Kamera vorbei. Das soll vermutlich seine Charakterstärke, Entschlossenheit und Weitsicht wortlos dokumentieren. Schließlich ist Ken Miles der rebellische Working-Class-Hero, der im Gegensatz zu den College-Boys im Management der Ford Motor Company genau weiß, wie der Hase läuft. Er ist ein Autoflüsterer, der sofort erkennt, wo der Reifen drückt, wenn er einmal eine Runde in einem Rennwagen gedreht hat. Er und kein anderer kann für Ford den Sieg erringen. Seine Frau und sein Sohn dienen in dem Film nur als Statisten, die voll hinter den Leidenschaften des Ehemanns und Vaters stehen.

Matt Damon spielt Shelby ähnlich eindimensional als ständig kaugummikauenden Yankee, der das Potenzial von Miles erkennt und mit ihm gemeinsam gegen den intriganten Ford-Manager Leo Beebe (Josh Lucas) um die Anerkennung des Patriarchen Henry Ford II. buhlt.

Fazit: "Le Mans 66 – Gegen jede Chance" ist ein mit Pathos überladenes Motorsport-Spektakel für Männer von gestern, das am Schluss keinen authentischen Einblick in die Beweggründe der historischen Figuren bietet. Wenn das klischeehafte Heldenepos nicht eine lähmende Überlänge von 152 Minuten hätte, würde es auch als Werbevideo für Ford durchgehen. Selbst Motorsport-Aficionados dürften sich bei diesem zwar professionell abgefilmten, aber im Testosteron ertrinkende Machwerk langweilen.

 

Der Film basiert auf der wahren Geschichte des visionären amerikanischen Sportwagenherstellers Carroll Shelby (Matt Damon) und des furchtlosen, in Großbritannien geborenen Rennfahrers Ken Miles (Christian Bale).