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© Netflix

Serienkritik
06/17/2020

"Marcella (Staffel 3)": Undercover und psychisch labil in Belfast

Nachdem die Polizistin Marcella offiziell für tot gilt, wird sie unter falscher Identität in eine irische Verbrecherfamilie eingeschleust.

von Franco Schedl

Der besondere Reiz dieser düsteren Netflix-Krimiserie mit Suchtpotential liegt seit jeher drin, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse sehr diffus sind und ständig verschwimmen. Die Hauptfigur ist zwar eine besessene Polizeibeamtin und lässt nicht mehr locker, sobald sie eine Spur aufgenommen hat; doch zugleich leidet sie unter Blackouts, tendiert zu unerwarteten Gewaltausbrüchen und verhält sich mitunter auf eine Weise, die sie eigentlich mit dem Gesetz in Konflikt bringen müsste. Auch ihr Privatleben hat sie nicht unter Kontrolle und verkraftet die Trennung von ihrem Mann und den beiden Kindern nur schlecht.  Aber den meisten ihrer KollegInnen bei der Londoner Polizei geht es nicht besser und so gut wie jeder aus dem Team benimmt sich mindestens einmal absolut fragwürdig. Es gehört eben zum Serienkonzept, dass die Drehbücher zu radikalen Lösungen neigen,  indem die Figuren einander belügen, betrügen, bespitzeln, bedrohen und erpressen. (Erstaunlicherweise bringen sie es trotzdem irgendwie fertig, gut zusammenzuarbeiten und die hinterhältigsten Mörder zu entlarven.)

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Neue Voraussetzungen

Die dritte Staffel verspricht nun vollkommen anders als die beiden vorhergehenden zu werden, denn die Bedingungen haben sich grundlegend geändert. Die meisten von uns wissen ja zweifellos, dass Marcella nach der wiedergewonnenen Erinnerung über ein traumatisches Erlebnis sehr extrem reagiert und sich und andere verletzt hat. Einer Schere sind nicht nur ihre Haare zum Opfer gefallen, sondern sie hat sich mit der scharfen Klinge auch noch in einen halben Joker verwandelt.  Die Brücken zu ihrer Vergangenheit wurden abgebrochen, offiziell gilt sie für tot, doch ein Vorgesetzter hat sie rekrutiert, weil er sie als verdeckte Ermittlerin verwenden wollte.

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Reiche Verbrecher

18 Monate nach den Ereignissen aus Staffel 2 setzt nun die Handlung wieder ein. Marcella wurde auf ihren Undercover-Einsatz vorbereitet und lässt sich unter dem Namen Keira mit entsprechend verändertem Aussehen in eine höchst verdächtige Belfaster Familie einschleusen. Das heißt aber nicht, dass sich Marcella in zwielichtigen Vierteln der örtlichen Unterwelt herumtreiben muss. Die Verdächtigen führen ein Leben in Luxus, residieren in einer noblen Villa und gelten zumindest nach außen hin als ehrbare Leute. In Wahrheit verdienen sie Geld durch Menschenhandel, Drogengeschäfte, Waffenschieberei, sowie andere Verbrechen. Marcella ist buchstäblich in der Höhle des Löwen gelandet – immerhin steht die große steinerne Statue eines solchen Tieres vor dem Anwesen im Garten.

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Irische Mafia?

Diese Maguires benehmen sich in einer Weise, als wären sie allesamt Mafiapaten, mischen in der lokalen Politik mit, setzen Leute unter Druck, lassen Menschen foltern oder erteilen Mordaufträge.  Darum ist es auch nicht leicht, sie zu täuschen: ihr Misstrauen ist immer geweckt und sie schöpfen sofort Verdacht. Umso erstaunlicher wirkt es, dass Marcella/Keira sie solange an der Nase herumführen kann, aber dafür ist sie auch mit vollem Körpereinsatz bei der Sache und verwendet ihren Sexappeal als Waffe. Noch dazu taucht dann bald jemand auf, der Marcella von früher kennt und sie jederzeit enttarnen könnte.

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Psychologische Feinheiten

Während die erste Staffel noch den Fehler hatte, viel zu viele Charaktere einzuführen (man brauchte mindestens vier Folgen, um die Personen auseinanderzuhalten und sich halbwegs zurechtzufinden), ist es nun übersichtlicher geworden. Immerhin geht es hier nicht darum, einen Killer zu entlarven, weil die Täter von Anfang an feststehen. Daher muss man uns auch nicht alle gefühlte fünf Minuten einen neuen Verdächtigen präsentieren und die Story ist nicht mit etlichen Nebenepisoden vollgestopft, sondern wird relativ schnörkellos erzählt (abgesehen von einer überraschend eingeschobenen Rückblende in Folge 6). Diese klare Struktur kommt natürlich der Handlung zugute und wir können uns ganz auf die psychologischen Feinheiten konzentrieren. Die gefährliche Familie zerstreitet sich untereinander immer mehr und Marcella steht zwischen den Fronten in einer intrigenreichen Fehde.  Wie sich die Maguires selbst zerfleischen erreicht manchmal eine Dramatik von geradezu shakespeareschem Ausmaß (auch in Bezug auf die Anzahl der Leichen).

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Gespaltene Persönlichkeit

Eines hat sich allerdings nicht geändert: Marcella ist nach wie vor ihre eigene größte Feindin und eine gespaltene Persönlichkeit. Ihre Nerven liegen in jeder Folge blank - ein völliger Zusammenbruch scheint immer möglich. Jemand spielt obendrein ein böses Spiel mit ihr und verstreut anonyme Hinweise, die darauf schließen lassen, dass ihre wahre Identität bekannt ist. Man fragt sich, wie Anna Friel, diese so zart und zerbrechlich wirkende Hauptdarstellerin, mit all den psychischen und körperlichen Dauerbelastungen bloß fertig wird. Vermutlich ist das ja auch der Grund, weshalb es nur alle zwei Jahre eine neue Staffel gibt.

4 von 5 vernarbten Wangenschnitten

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