Filmkritik: Queen & Slim (2020)

© UPI Media

Filmkritik
01/03/2020

"Queen & Slim": Wenn beim Tinder-Date echt alles schief läuft

Die bittersüße Liebesgeschichte eines schwarzen Pärchens auf der Flucht ist ein ruhiges Road-Movie mit schönen Bildern und stimmigem Soundtrack.

von Erwin Schotzger

Aus einem Tinder-Date wird meistens nichts. Danach schaut es auch beim ersten Date der beiden Afro-Amerikaner aus, deren Namen im Film nicht genannt werden. Nennen wir sie der Einfachheit halber Queen und Slim: Sie, Queen, und er, Slim, treffen sich in einem altmodischen American Dinner wie wir es aus vielen Filmklassikern kennen. Das Date läuft nicht sonderlich gut:

Er hat das Dinner ausgesucht, weil es ein "Black-owned Business" ist. Sie hält es für billig.

Er betet still vor dem Essen. Sie findet das ein wenig schräg.

Er ist ein einfacher Handelsangestellter. Sie eine nicht gerade erfolgreiche Anwältin.

Er ist ruhig und entspannt, sie ist unrund und genervt.

Zwischen den beiden funkt es ganz und gar nicht!

Der Smalltalk offenbart bald, dass die beiden Turteltauben nur hier sitzen, weil sie, Queen, einen schlechten Tag hatte. Einer ihrer Klienten wurde zum Tode verurteilt. Sie will nur eines: Heute nicht alleine sein!

Seine traurigen Augen hatten es ihr auf Tinder angetan. Ein Mitleidsdate. Großartig!

Es dauert nicht lange und Slim fährt Queen, wie es sich für einen Gentleman gehört, nach Hause. In seinem alten Honda mit dem Kennzeichen "TRUSTGOD". Die Wahrscheinlichkeit auf ein zweites Date liegt ziemlich nahe bei Null. Wie gesagt: Aus Tinder-Dates wird meistens nichts!

 

Black Thelma & Louise

Doch dann werden die beiden Schwarzen auf dem Nachhauseweg von einem Polizisten angehalten. Der weiße, offensichtlich rassistische Cop sucht Streit.

Slim erkennt die brandgefährliche Lage sofort und versucht, allen noch so schikanösen Aufforderungen möglichst freundlich nachzukommen. Doch die junge Anwältin pocht auf ihre Rechte. Es kommt, wie es kommen musste: Als sie zu ihrem Handy greift, schießt der Cop auf sie. Slim geht dazwischen.

Die Fahrzeugkontrolle endet mit einem toten Polizisten. Erschossen mit seiner eigenen Waffe von zwei Schwarzen. Aus Versehen und in Notwehr natürlich. Doch Queen, die Anwältin, kennt das System zu gut. Diese Geschichte wird keine Geschworenen-Jury in den USA zur Erkenntnis führen, dass hier ein weißer Polizist durch einen selbst verschuldeten Unfall zu Tode kam, verursacht durch die Notwehr eines schwarzen Pärchens. Nicht in diesem Land, so viel ist sicher.

Was folgt ist weniger ein "Black Bonnie & Clyde"-Abenteuer wie das Pärchen im Film selbst genannt wird, denn Queen & Slim sind keine Verbrecher, nicht einmal Kleinganoven. Vielmehr wird eine gefühlvolle und stimmige Liebesgeschichte erzählt.

Sie überredet ihn zur Flucht vor dem Gesetz. Ohne echten Plan fahren die beiden Flüchtigen von Ohio in Richtung Süden, hoffend irgendwie nach Kuba entkommen zu können.

Als das Video des Vorfalls im Internet auftaucht, wird klar, dass der Cop zuerst geschossen hat. Schnell wird das Pärchen, das eigentlich gar keins ist, zu einem Symbol für Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA: Endlich hat sich einer gewehrt, ist der Tenor in der "Black Community".

 

Schönes Road-Movie mit geschmeidigem Soul-Soundtrack

Beeindruckend an "Queen & Slim" ist vor allem, dass Regisseurin Melina Matsoukas in ihrem Spielfilmdebüt weitgehend auf eine Pathos-geladene Glorifizierung von Gesetzlosen verzichtet. Im Gegenteil: An einer emotionalen Stelle – eine Sexszene im Auto wird mit einer Demonstration gegen Polizeigewalt gekoppelt – werden sogar die gefährlichen Kettenreaktionen und schlimmen Folgen aufgezeigt, die so eine Glorifizierung verursachen kann. Im Drehbuch von Lena Waithe, als Schauspielerin bekannt aus "Master of None", wird vielmehr eine Geschichte im Stil von "Thelma & Louise" erzählt: eine bittersüße Liebesgeschichte voller Tragik von zwei Menschen, die ihr altes Leben hinter sich lassen und gemeinsam nach vorne blicken, komme was wolle.

Grammy-Gewinnerin Matsoukas, bekannt für ihre Musikvideos für Popstars wie Beyoncé, Rihanna und Solange, unterstreicht die schöne Liebesgeschichte durch ihre ikonische Bildsprache. Darüber hinaus sind die beiden Hauptdarsteller (wie die gesamte Besetzung) ein Glückgriff: Daniel Kaluuya ("Get Out") überzeugt als einfach gestrickter Slim ebenso wie die bisher vor allem aus TV-Serien ("The Last Ship", "Nightflyers", "Jett") bekannte Jodie Turner-Smith, die mit ihrer Rolle die Geschichte vorantreibt.

Last, but not least: Der soulig-chillige Soundtrack, gespickt mit Songs trendiger schwarzer Künstler und veröffentlicht beim legendären Musiklabel Motown Records, macht aus dem ruhigen, unaufgeregten und stimmigen Road-Movie auch ein musikalisches Kino-Erlebnis.

Darüber hinaus ist "Queen & Slim" auch ein filmisches Manifest, weniger für irgendwelche politischen Statements, sondern für ein leidenschaftliches Leben im Moment ohne Angst vor der Zukunft.

 

Queen & Slim

— Queen & Slim

"Bonnie & Clyde"-Liebesdrama über ein schwarzes Pärchen, das durch Notwehr in einem Fall von Polizeiwillkür zur Flucht gezwungen wird.