Lornas Schweigen

 F/B/I 2008

Le Silence de Lorna

Drama 03.04.2009 105 min.
7.10
Lornas Schweigen

Eine Scheinehe mit dem Junkie Claudy hat der jungen Albanerin Lorna eine Summe Geld und die belgische Staatsbürgerschaft eingebracht.

Wie in vielen ihrer Filme entfalten Jean-Pierre und Luc Dardenne in Le Silence de Lorna mit leiser Entschlossenheit und äußerster Ökonomie eine dramatische Geschichte und vertrauen dabei ganz auf das stoische Gesicht einer jungen Frau: Die Albanerin Lorna (Arta Dobroshi) strahlt eine Stärke und Menschlichkeit aus, der man zutraut und wünscht, dass sie allen Widrigkeiten des Lebens trotzen möge - ganz ähnlich wie die früheren Dardenne-Heldinnen Rosetta (Rosetta) und Sonia (L' Enfant). Lorna steckt in einem Dilemma, das ein wenig zu ausgefeilt wirken könnte, wäre es nicht so brillant in der belgischen, im Grunde EU-weiten Realität von Migration, Ausländerrecht, östlichen Wanderarbeitern und organisiertem Verbrechen verankert. Eine Scheinehe mit dem Junkie Claudy hat ihr eine Summe Geld und die belgische Staatsbürgerschaft eingetragen, aber auch einen faustischen Pakt mit einem lokalen Kleingangster, der wiederum mit der Russenmafia Geschäfte macht: Claudy soll mit einer Überdosis ermordet werden, damit die Witwe eine weitere Scheinehe mit einem Russen eingehen kann - was wiederum mehr Geld für sie bedeuten würde. Der Dardenne-Stammschauspieler Jérémie Renier verkörpert derart perfekt die nervenraubende Bedürftigkeit des süchtigen Claudy, dass man ihm fast selbst den Tod wünscht. Zugleich aber ist er wie ein Kind, das nicht nur Lorna bald immer dringender retten möchte. Sie entdeckt ihre wahren Gefühle in dem exakt Moment, wo es zu spät ist. Der unentrinnbare Sog dieses Films, hin zu einem beinah mythischen Ende, übertrifft an Tragik und Schönheit auch alles, was die Dardenne-Brüder schon zeigten. (Tobias Kniebe)

(Text: Viennale 2008)

Details

Arta Dobroshi (Lorna), Jérémie Renier (Claudy), Fabrizio Rongione (Fabio), Alban Ukaj (Sokob| Morgan Marinne (Spirou)
Jean-Pierre Dardenne / Luc Dardenne
Ludwig van Beethoven
Alain Marcoen
Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
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Kritiken

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User Kritiken

  • Lornas Männer
    Es dauert etwas, bis man die Situation dieser Lorna begriffen hat. Das scheint wohl beabsichtigt, denn die Details werden in den Dialogen erst nach und nach eingebracht. Lorna hat einen Mann für die Liebe, einen fürs Geschäft und einen für die Erlangung der belgischen Staatsbürgerschaft. Alle drei können nur agieren, weil ihnen Lornas Schweigen die Möglichkeit dazu bietet. Sie bleibt äußerst wortkarg und verfolgt unbeirrt ihren Weg. Wie eine Spinne sitzt sie im Zentrum ihres Aktionsnetzes und behandelt ihre drei ’Männer’ wie Marionetten. Verfolgt dabei das Gesetz von Actio und Reactio. Das gelingt, bis es Komplikationen gibt. Sie erkennt, dass es zwei von ihren Männern nur ums Geld geht, der Dritte, den sie liebenswürdig ausnutzt, bleibt auf der Strecke. Das unerwartete Ende überrascht und bietet Anlass für weiterführende Diskussionen. Es bleibt gewollt offen, denn der weitere Verlauf der Geschichte ist eine andere Geschichte. Nachdenkenswert, kantig und unangenehm, aber durchaus real.