"Licht": Von Dr. Mesmer gesundgestreichelt

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Das junge Mädchen im altertümlichen Kostüm sitzt mit wild rollenden Augen am Klavier und greift vor Publikum virtuos in die Tasten. Wir befinden uns in Barbara Alberts vielschichtigem Historienfilm im Wien des Jahres 1777 und die Künstlerin heißt Maria Theresia Paradis. Seit dem dritten Lebensjahr erblindet, wird sie stets von den stolzen Eltern überwacht und wie ein musikalisches Wundertier vorgeführt – immerhin hat Kaiserin Maria Theresia höchstpersönlich eine Ehrenpension ausgesetzt, auf die der verarmte Vater angewiesen ist.

Ein früher Doktor Freud

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Nachdem sie schon etliche erfolglose Rosskuren hinter sich hat, bringen sie die Eltern nun zu Doktor Mesmer, der im Ruf steht, durch sein von ihm entdecktes unsichtbares Fluidum wahre Wunder zu wirken. Tatsächlich ist er bei seinen magnetischen Kuren, ohne es zu wissen, dem Elektromagnetismus auf der Spur. Bei Barbara Albert wird Mesmer zu einem Vorläufer von Sigmund Freud: immerhin ermuntert er seine Patienten, die Paradebeispiele für Hysteriker abgeben, alles zu sagen, was ihnen gerade durch den Kopf geht (in der Psychoanalyse wird sich das dann 'freie Assoziation' nennen). Auch Marias frühes Erblinden lässt sich offenbar auf psychische Ursachen zurückgeführt- was bei diesen Eltern kein Wunder ist.

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Mesmer wirkt vor allem durch persönliche Hinwendung und sorgt bei den hilfesuchenden Frauen für ein Erwachen der Sinne (wofür die Freudianer später den Begriff ‚Übertragungsliebe‘ prägen werden). Maria lässt sich von dem deutschen Arzt gesundstreicheln und er schenkt ihr durch das wiederkehrende Sehvermögen die Aussicht auf ein normales Leben. Doch diese Gabe verursacht nicht nur Freude, denn das Sehen muss erst mühsam eingeübt werden und bringt unerwartete Schwierigkeiten beim Klavierspiel mit sich. Zugleich kühlt das Verhältnis zwischen Mesmer und Marias Eltern immer weiter ab, bis von dem Mädchen schließlich eine Entscheidung zwischen Kunst und Krankheit oder einem freien Leben ohne familiäre Bevormundung getroffen werden muss.

Mehrere Ebenen

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Maria Dragus ("Das weiße Band") bietet eine der herausragendsten Schauspielleistungen des Jahres, und Devid Striesow verkörpert den berühmt-berüchtigten „Wunderdoktor“ als ausgefuchsten Seelenkenner mit Hang zum Luxus und großem Profilierungsdrang. Alberts Verfilmung von Alissa Walsers Roman ist daher absolut geglückt und funktioniert auf mehreren Ebenen zugleich: sei es als verhaltene Tragikomödie oder Fallgeschichte über eine ärztliche Pionierleistung aus der Frühzeit der Seelenkunde, sei es als Künstlerinnendrama und Frauenporträt, sowie als Genrebild der Wiener Gesellschaft (mit Neid, Missgunst, Spott und Unglaube als unverzichtbaren Bestandteilen).

9 von 10 elektrisierenden Lichtblicken

franco schedl

Licht

Licht

A/D 2017
Drama, Dokumentation, Geschichtsfilm
10.11.2017
Barbara Albert
Frei nach dem Roman: „Am Anfang war die Nacht Musik“ von Alissa Walser erzählt Barbara Albert die schicksalhafte Geschichte des Wunderheilers Franz Anton Mesmer und seiner berühmtesten Patientin Maria Theresia Paradis.
6.70

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