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Filmkritiken
09/11/2018

"Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm":

Bert Brecht legt sich hier mit der Filmindustrie an und gibt lauter druckreife Sätze von sich.

Kurz geschnittenes Haar, runde Brille, brennende Zigarre im Mund und Ledermantel am Leib – fertig ist Bert Brecht, hier von Lars Eidinger gespielt.  Und sobald dieser Mann den Mund auftut, kommen lauter druckfertige Sentenzen daraus hervor: Aussagesätze, die mindestens drei Rufzeichen erfordern und mit denen man unschwer einen Aphorismen-Band füllen könnte. Kein Wunder, denn der Brecht-Kenner Joachim A. Lang versichert uns zu Beginn seines ersten Kinofilms durch eine schriftliche Einblendung, dass alle Äußerungen der Hauptfigur historisch verbürgt sind. Solche O-Töne mögen wohl dosiert auf dem Papier gut ankommen, hier rufen sie aber eine eher unangenehme Wirkung hervor.    

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Publikumsgeschmack und künstlerische Freiheit

Zunächst erleben wir die Premiere der „Dreigroschenoper“, bei deren Vorbereitung es ziemlich chaotisch zugeht.  Ein großes Fiasko scheint unvermeidbar zu sein. Zur Überraschung der Beteiligten wird das Stück vom Publikum jedoch begeistert aufgenommen und begründet Brechts literarischen (und finanziellen) Erfolg. Nach Ende der Vorführung verkündet Brecht noch kategorisch, dass eine Verfilmung des Stoffs für ihn nicht in Frage komme, doch zwei Jahre später hat er seine Meinung geändert und steht nun in Kontakt mit einer Filmfirma. Die Lieblingssätze deren Vertreter lauten: „So etwas wird das Publikum nicht verstehen.“ „Das würde dem Publikum nicht gefallen.“  „Da wird das Publikum nicht mitgehen.“ Brecht kann das nicht verunsichern: er hat genaue Vorstellungen, wie er seinen Stoff als Film umgesetzt sehen möchte, ändert unbekümmert Textstellen, fügt Szenen hinzu und treibt den Konflikt mit den Produzenten bis zum Äußersten – es kommt zu einer Gerichtsverhandlung, auf die es Brecht angelegt hatte. Schließlich wurde der Film 1931 von G. W. Pabst realisiert, und immerhin spielten auch die Brecht nahestehenden Frauen Carola Neher und Lotte Lenya mit.

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Verfremdungseffekte

Joachim A. Lang hat nun 2018 den Ehrgeiz, dieses Projekt so zu verwirklichen, wie es Brecht wohl gern gesehen hätte. Dazu wählt er die Lösung eines Films im Film und arbeitet entsprechend ausgiebig mit all den Stilmitteln des epischen Theaters, die ihm Brecht selbst geliefert hat: die Ebenen verfließen ineinander, scheinbar reale Schauplätze entpuppen sich als Kulissen, die Schauspieler fallen regelmäßig aus ihren Rollen, diskutieren mit dem Autor über die Interpretation und durchbrechen die vierte Wand, indem sie sich direkt an uns Zuschauer wenden. Immer wieder hält Brecht gerahmte Szenenbilder in die Kamera und die „Dreigroschenoper“ wird an genau diesen Stellen wiederaufgenommen.

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Brecht als Über-Künstler

Lars Eidingers Spiel ist fehler- und makellos, er zeigt nie die geringsten Zeichen von Schwäche, Unsicherheit oder Irritation und führt stets das große Wort: und gerade durch jene anfangs erwähnten Originalsätze, die er ständig absondern muss, wird er zu einer Art unwirklichen Über-Künstler, der gar nichts mehr von einer Person aus Fleisch und Blut an sich hat. Als ganz zuletzt Brechts eigene Stimme eingeblendet wird, klingt sie im Vergleich zu Eidingers rechthaberischem Tonfall wesentlich verletzlicher und wirklich menschlich. Die übrigen Darsteller sind da schon von anderem Kaliber: Joachim Król spielt den Bettlerkönig als herzhaft-hinterhältigen Trickser und Intriganten, Tobias Moretti kommt dem perfekten Mackie Messer ebenfalls sehr nahe, Hannah Herzsprung ist eine hinreißende Polly, und zwischendurch steht auch noch ein Max Raabe an der Drehorgel, um sich als Moritatensänger zu betätigen.

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Aus Gangstern werden Banker

Wenn Lang die Linien der Handlungsführung dann bis in unsere Tage verlängert, tut er nur das Naheliegende, was durch den Originaltext ohnehin gefordert wird und lässt die Verbrecher zu Bankern mutieren:  Während sich ihre Bettlerkleidung in Geschäftsanzüge verwandelt, wachsen im Hintergrund die Hochhauspaläste der modernen Finanzgewaltigen mit Zeitraffergeschwindigkeit in die Höhe.  Statt das Bühnenwerk dadurch aber wirklich in die Gegenwart zu heben, entsteht nur der Eindruck des gewollt Originellen und über weite Strecken wird die Inszenierung zu einem reinen Ausstattungsstück: alles läuft mit maschineller Präzision ab, lässt uns zugleich aber ziemlich kalt. Hier wird das Publikum also bestimmt nicht über-, sondern manchmal eher unterfordert.

2 ½ von 5 mit Dichterspucke durchtränkten Zigarrenstummeln

franco schedl