Filmkritiken
26.02.2018

Mute: Chaotische Suche nach vermisster Freundin im futuristischen Berlin

Duncan Jones schafft in seinem futuristischen Film-Noir nach "Moon" und "Source Code" wieder einen spannenden Twist.

Berlin im Jahr 2052. In der futuristischen Stadt schwirren fliegende Autos und Essen ausliefernde Drohnen durch die von holographischen Leuchtreklamen erhellte Nacht. Der hochgewachsene Barkeeper Leo (Alexander Skarsgård) verbringt seine Nächte hinter der Theke einer Strip-Bar, in der nicht wenige zwielichtige Typen der Berliner Unterwelt verkehren. Aufgrund eines Unfalls in der Kindheit ist Leo stumm. Zwar könnte dieses Handicap mit moderner Technologie einfach behoben werden, doch Leo stammt aus einer nach Deutschland zurückgekehrten Amish-Familie. Moderne Technologie ist daher nicht unbedingt Leo's Ding. Er schnitzt lieber Holzschmuck für seine Freundin Naadirah (Seyneb Saleh), die auch als Kellnerin in der Bar arbeitet. Dort macht er sich immer wieder beim Chef unbeliebt, weil er seine Freundin zu offensiv vor übergriffigen Kunden beschützt. Eines Abends taucht Naadirah verzweifelt bei Leo auf und will ihm ein Geheimnis erzählen. Sie fürchtet, es könnte ihre Beziehung gefährden. Leo beruhigt sie. Ihre Vergangenheit sei nicht wichtig für ihn. Am nächsten Morgen ist Naadirah spurlos verschwunden. Leo macht sich auf die Suche nach ihr. Dabei trifft der Stumme ("Mute") unter anderem auf Cactus Bill (Paul Rudd) und Duck (Justin Theroux), zwei Chirurgen und ehemalige Mitglieder der US-Armee. Bill hat keine Reisepapiere und versucht mit seiner kleinen Tochter das Land zu verlassen.

Verwirrende Suche mit spannendem Twist

Regisseur und Co-Autor Duncan Jones ("Moon", "Source Code") kehrt mit "Mute" nach einem Ausflug ins Fantasy-Genre ("Warcraft") wieder zum Science-Fiction-Film zurück. Und dieses Genre liegt ihm eindeutig besser. Mit "Mute" hat Jones einen futuristischen Film-Noir geschaffen, der sich von der typischen gestrafften Dramaturgie gängiger Mainstream-Filme unterscheidet. Stellenweise wirkt der Film wie der Debütfilm eines ambitionierten Amateurs. Wäre "Mute" – wie ursprünglich geplant – der Debütfilm von Jones gewesen, wäre er wohl gelobt worden. Doch nach dem von den Kritikern geliebten Debütfilm"Moon"und dem ebenso gepriesenen Nachfolgefilm"Source Code"liegt die Latte für Jones – trotz dem Mainstream-Ausrutscher"Warcraft"– offenbar sehr hoch. "Mute" kommt bei Kritikern bisher nicht so gut an wie die beiden Sci-Fi-Vorgänger.

Die Erzählung ist nicht so stromlinienförmig wie das vom Mainstream-Kino offenbar erwartet wird. Die stumme Hauptfigur gerät teilweise sogar in den Hintergrund, während der US-Amerikaner Cactus Bill und seine Tochter im Fokus der Story stehen. Dabei sieht Skarsgård als Leo gelegentlich etwas blass aus gegenüber der Performance von Rudd. Doch das liegt wohl auch an den unterschiedlichen Charakteren. Insgesamt verleiht dieser wenig geradlinige Erzählstil dem Film einen leicht chaotischen Charakter.

Doch am Ende gelingt Jones wieder ein spannender Twist. Trotz aller Unkenrufe dürfte der Film wohl weitgehend so geworden sein, wie der Regisseur sich das vorgestellt hat. Lediglich die Hollywood-Studios wollten nicht mitspielen. Jones hat dieses Filmprojekt, das er in den Grundzügen bereits 2003 – also schon vor "Moon" – geschrieben hat, deshalb mit Netflix umgesetzt.

"Mute" spielt in derselben futuristischen Welt wie "Moon"

Die futuristische Welt, die Jones in "Mute" schafft, erinnert an typische Cyberpunk-Welten: Überall holographische Leuchtreklamen und fliegende Autos, das Weltbild ist eher düster. Es wird eine nationalistische Wende in der Politik Deutschlands angedeutet: So wurden Angehörige der deutschstämmigen Glaubensgemeinschaft der Amisch eingeladen, ins Heimatland zurückzukehren. Leos Eltern haben dieses Angebot offenbar angenommen.

Spannend sind auch die Hinweise darauf, dass "Mute" in derselben Zukunft spielt wie schon Jones' erster Film "Moon": Einmal ist an einer Wand der Slogan "Free the 156" zu sehen. Ein Hinweis auf die 156 Klone von Sam Bell (Sam Rockwell) in "Moon". Und tatsächlich hat Rockwell in den kurz eingeblendeten Nachrichten von Spiegel-TV einen Cameo-Auftritt in seiner alten Rolle. Offenbar hat der am Schluss von "Moon" auf die Erde zurückgekehrte Klon das Unternehmen Lunar Industries vor Gericht gezerrt. Da "Mute" elf Jahre nach "Moon" spielt, dürfte der Prozess schon länger dauern und auch eine "Free the 156"-Bewegung ausgelöst haben.

Erwin Schotzger