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© Luna Filmverleih

News
03/09/2020

Die Känguru-Chroniken: Regisseur Dani Levy im Interview

Wie bringt man ein sprechendes, anarchistisches Beuteltier auf die Leinwand? Regisseur Dani Levy im Gespräch zu den „Känguru-Chroniken“.

von Amina Beganovic

Mit seinen satirischen Geschichten rund um das vorlaute, antikapitalistische Känguru feierte der Autor, Kabarettist und Liedermacher Marc-Uwe Kling einen sensationellen Erfolg in Deutschland. Nun hat es das quasselnde Beuteltier nach den Büchern und Podcasts auch ins Kino geschafft. Regie führte der Schweizer Dani Levy („Alles auf Zucker!“, „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“). Wie die enge Zusammenarbeit mit Autor Kling für den Film verlief, was die größten Herausforderungen im Entstehungsprozess waren und ob er selbst das vorlaute Känguru bei sich einziehen lassen würde, verriet Levy im Gespräch mit film.at.

Wann und wie kam die Idee auf, das Känguru auf die Leinwand zu bringen?

Ab wann genau die Filmproduktionsfirmen bei Marc-Uwe anfragten, ob er nicht auch einen Film aus seinen Geschichten machen möchte, weiß ich nicht genau. Ich weiß nur, dass fast alle Filmfirmen Deutschlands sich um den Stoff bemüht haben. Marc-Uwe hat sich nach langen Recherchen und langem Überlegen für „X Filme Creative Pool“ entschieden, weil er das Gefühl hatte, die entsprechen dem Image des Kängurus und seiner eigenen politischen Haltung am ehesten. Er war auch mit viel Begeisterung dabei, da er selbst ein großer Filmfan ist. Ich glaube, damit hat sich für ihn auch ein Traum erfüllt.

Waren Sie vor der Arbeit an dem Film schon ein Fan des Kängurus?

Ich kannte es nur peripher, aber meine Kinder waren echte Fans. Die haben die Geschichten rauf- und runter gehört.

Interessant, dass die Chroniken bei Kindern und Jugendlichen so gut ankommen.

Total, da sind sie ganz verbreitet. Ich hatte erst angefangen, mich richtig mit den Geschichten zu beschäftigen, als ich für das Projekt als Regisseur angefragt wurde. Meine Kinder haben triumphiert.

Kling hat als Drehbuchautor selbst intensiv mitgewirkt, er hat zudem gleich die Rolle des Erzählers im Film übernommen. Hat die Zusammenarbeit mit ihm gut funktioniert?

Ja, auf menschlicher Ebene haben wir uns sofort gut verstanden. Er ist sehr anders, er ist kein so extrovertierter Mensch wie ich, er ist mehr zurückgezogen und still.

Würde man bei dem quasselnden Känguru gar nicht glauben.

Genau! In der Zusammenarbeit ist er auch sehr nachdenklich. Wenn man mit einer Idee kam, war er anfangs oft skeptisch. Er wollte außerdem von Anfang an klar bestimmen, wie das Drehbuch wird, das war für mich doch gewöhnungsbedürftig. Das war auch die konkrete Arbeitsteilung in seinen Augen: Er schreibt das Drehbuch, da er genau wusste, wie er sich aus der Marke des Kängurus heraus alles vorstellt – und ich war dann dafür zuständig, den Film zu machen. 

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Es gab von ihm also klare Vorstellungen bzw. Vorgaben, die im Film auf jeden Fall umgesetzt werden mussten?

Nur auf der Drehbuchebene. Ansonsten war er total respektvoll. Bei der Besetzung der Schauspieler war er zwar dabei und hat auch immer seine Meinung kundgetan, aber am Ende blieb das eindeutig mein Thema. Wir waren uns aber immer einig. Wir waren beide Fans von Dimitrij Schaad und wollten ihn unbedingt als Marc-Uwe, wir wollten beide Rosalie Thomass und Henry Hübchen dabeihaben. Bei den Dreharbeiten wiederum war er gar nicht dabei, das ist immer mein Thema geblieben. In der Schnittphase hat er dann wieder viele Kommentare und Notizen geschickt. Also er war schon immer dran, aber auf sehr konstruktive und partnerschaftliche Art und Weise. Es war jedoch stets klar: Das ist sein Baby. Entsprechend nah hat er also mitgefiebert, was für mich ein Novum war.

Die Originalreihe ist ja eher eine kurzgeschichtenartige Aneinanderreihung von Anekdoten – wie lange wurde an dem Plot zum Film gefeilt?

Es war nicht einfach, weil wir erst aussortieren mussten, wieviel Stoff aus den Büchern wir im Film haben wollten – und welche Geschichten sich organisch verbinden lassen. Die größte Herausforderung war, eine Handlung zu finden, die zum Film passt, aber im Geist der Geschichten bleibt. Das hat dann doch fast zwei Jahre gedauert.

In einem ersten Schritt haben wir uns mehr auf das Thema Gentrifizierung und den Abriss des Hauses konzentriert. Dann haben wir aber gemerkt, dass das doch ein alter Hut ist, zu dem es schon einige Filme gibt. Daraufhin haben wir etwas Neues gesucht und sind über die Jörg Dwigs-Figur aus den Büchern auf das Thema Rechtspopulismus gekommen. Es wurde eine Verarbeitung politischer Ereignisse der letzten Jahre. Jedoch wollten wir dieses Thema nicht zu dominant machen, es sollte trotzdem eine Buddy-Geschichte zwischen dem Känguru und Marc-Uwe bleiben. Die kleine Welt, in der sich diese beiden bewegen, sollte nicht verloren gehen. Es sollte kein Sozialrealismus werden, sondern ein bisschen comichaft bleiben.

Wie schwierig war es, den Film so umzusetzen, dass auch Nicht-Kenner der „Känguru-Chroniken“ die Geschichte unterhaltsam finden?

Mir war klar, dass das gut funktionieren wird. Man kann sich den Film anschauen, ohne irgendetwas aus den Geschichten zu kennen. Nicht umsonst taucht das Känguru am Anfang aus dem Nichts vor Marc-Uwes Tür auf und klingelt. Die erste Szene des Buches ist somit die erste Szene des Films, es ist genau das gleiche Intro. Wir glauben auch, dass sich das Publikum komplett mischen wird aus Känguru-Kennern und –nichtkennern.

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Der Humor des Kängurus schert sich ja in keinster Weise um Political Correctness. Hat Sie das bei dem Projekt besonders angesprochen?

Absolut. Ich finde, dass der Anspruch der Geschichten und auch des Films für eine Unterhaltungskomödie ziemlich abgefahren ist. Wer kümmert sich denn heutzutage noch um das Kommerzkino als Ort, wo man auch Kritik an politischen oder gesellschaftlichen Verhältnissen üben kann? Wir haben oft einen großen Graben zwischen der Unterhaltungskultur und der ernsthaften Kultur: Zum einen die substanzielle Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen im Rahmen von Arthouse, zum anderen die Unterhaltung, die sich popcornmäßig um gar nichts kümmert. Die Vermischung von diesen beiden ist nur ganz selten gegeben. Das finde ich an diesem Projekt einfach toll.

Würde das Känguru plötzlich vor Ihrer Tür stehen, würden Sie ihm erlauben, bei Ihnen einzuziehen?

Ich befürchte ja. Meine Kinder fänden es wahrscheinlich cool – bis das Känguru anfängt, in ihren Zimmern zu wühlen, da werden sie nämlich auch ganz schnell ziemlich spießig! Ich persönlich mag überraschenden und unangenehmen Besuch hin und wieder ganz gerne. Ich bin aber auch „vorbelastet“, weil ich selbst viele Jahre in einer Wohngemeinschaft gelebt habe. Das gehört also ein Stück zu meiner eigenen Vergangenheit dazu. Manchmal vermisse ich das sogar – und fände es ganz gut, wenn so ein Känguru mich ein wenig aus der Ruhe bringen würde.

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