© Ludwig Wüst

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03/06/2019

Interview mit Regisseur Ludwig Wüst

Diese Woche feiert „Aufbruch“, der neue Film von Theater- und Filmregisseur Ludwig Wüst, seine Österreich-Premiere.

von Oezguer Anil

Auf der in wenigen Wochen startenden Diagonale in Graz werden frühere Arbeiten des Regisseurs, eine Theaterinszenierung und ein von ihm kuratiertes Kurzfilmprogramm gezeigt. Sein neuster Film "Aufbruch" feierte seine Uraufführung im Forum der letztjährigen Berlinale und erzählt die Geschichte zweier Fremde die einen Tag miteinander verbringen. Wir haben uns mit dem in Bayern geborenen und seit 1987 in Wien lebenden Filmemacher getroffen und über seinen filmischen Zugang geredet.

Sie schreiben, dass das japanisches Sprichwort „Die Trauer um den Fluss der Dinge“ Sie zu Ihrem neuen Film inspiriert hat. Was finden sie an diesem Spruch so interessant und wie sind Sie darauf gestoßen?

Ich habe mich in den letzten Jahren sehr intensiv mit dem japanischen Kino der 60er und 70er Jahre beschäftigt. Es ist ein Zitat von Akira Kurosawa, das ich in einem Buch über Yasujiro Ozu gelesen habe. Ich fand diesen Satz so unglaublich schön, weil der Fluss der Dinge immer schneller wird. Technologischer Fortschritt hat noch nie auf die Menschheit Rücksicht genommen, deswegen möchte ich Filme machen, die von sinnlich erfahrbaren Dingen erzählen, Dingen die man eigentlich schon längst vergessen hat. Ich möchte, dass das Publikum wenigstens für den Moment des Films einen Einblick in eine Utopie bekommt

Sie schrieben das Drehbuch, führten Regie und standen auch selber vor der Kamera. War für Sie von Beginn an klar, dass Sie auch als Schauspieler in "Aufbruch" agieren möchten?

Der Film hieß ursprünglich „Letzte Fahrt“ und handelte von einem Taxifahrer. Als ich meinen Stammschauspieler nicht bekommen habe, hat Claudia Martini vorgeschlagen, dass ich die Rolle doch selber spielen solle.  Nachdem ich beschlossen hatte, selber vor der Kamera zu stehen, musste ich vier Wochen lang das Drehbuch umschreiben. Das Taxi wurde dabei zu einem Töff-töff aus den 60er Jahren, weil das Fahrzeug wiederum sehr viel über meine Figur erzählt. Ich habe in meinen vorherigen Filmen schon kleinere Rollen gespielt. Bei diesem Projekt war es nochmal extrem, weil wir ein großes Team hatten und meine Rolle größer war. Ich musste noch nie soviel Kraft in einen Film stecken. Ich habe alles aus meinen letzten zehn Filmen hinterfragt.

Wie sind Sie bei der Entwicklung der Figuren vorgegangen?

Nachdem ich beschlossen hatte, selber zu spielen, war es für mich klar, dass ich etwas spielen muss, bei dem ich mich auskenne. Bei einem Tischler kenne ich mich aus, weil ich es gelernt habe. Handwerker sind wortkarge Menschen. Es ist jetzt mein vierter Film mit Claudia Martini. Sie ist einer der kreativsten Menschen, die ich kenne, sie bringt einen gigantischen Ideenreichtum mit. Wir haben uns diesmal darauf geeinigt, dass wir beide möglichst wenig sprechen wollen.

Der Film zeichnet sich vor allem durch die beeindruckenden Drehorte aus. Wussten Sie bereits beim schreiben, wo Sie drehen möchten? Wie haben Sie die passenden Drehorte gefunden?

Die meisten Drehorte kannte ich bereits im Vorfeld, nur den Alberner Hafen hat mir in den Vorbereitungen Claudia vorgeschlagen. Als ich dann mit dem Kameramann dort war, haben wir innerhalb von zehn Minuten alle notwendigen Bilder für die Szene gefunden. Ich bin mit der Claudia und dem Kameramann jede Woche zu allen Drehorten gefahren und wir haben jede Szene vor Ort geprobt. In diesem Prozess haben wir auch die Dialoge entwickelt.

Sie erzählen sehr visuell und verzichten auf lange Dialoge. Wieso haben Sie sich für so eine reduzierte Erzählweise entschieden?

Weil es die Meisterklasse ist. Es ist Kino und kein Textfilm. Ich zeichne sehr viel und habe für diesen Film eintausend Skizzen gemacht. Wo wir können, bauen wir Bilder. Ich weiß, welche Bilder ich brauche und kann sie mit meinem Kameramann auf einer wunderbar schöpferischen Weise finden.

Man bekommt das Gefühl, dass es Ihnen beim Filmemachen nicht nur aufs Ergebnis ankommt. Wie läuft der Vorbereitungsprozess ab?

Film ist für mich eine Lebensform für die Dauer der Produktionszeit. Der Dreh ist eine Sache, aber die Vorbereitungen beginnen ja meist schon einige Jahre vorher. Wir schaffen uns mit den Kernmitgliedern des Teams ein temporäres Zuhause, in dem wir uns wöchentlich treffen und über verschiedenste Dinge reden. Wir arbeiten an unserer Menschwerdung, das ist für mich der einzig erkennbare Sinn des Lebens und dann laden wir die Zuseher dazu ein, von diesem Energiefeld etwas mitzunehmen.

Gibt es schon ein neues Projekt an dem Sie arbeiten?

Es gibt neue Projekte aber ich darf und möchte nichts verraten.

"Aufbruch" startet am 8.3 in unseren Kinos.

Dieser Roadmovie von Ludwig Wüst ist ein Film über das Vergehen von Zeit, der Dinge und der Gesten.