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Serien-Review
04/15/2019

Star Trek Discovery: Vor dem Showdown auf dem Tiefpunkt

Serien-Review: Alles wird in dieser pathetisch übertriebenen Episode der Effekthascherei untergeordnet.

von Erwin Schotzger

Die vorletzte Episode "Süße Trauer" (Originaltitel: "Such Sweet Sorrow") der zweiten Staffel von "Star Trek: Discovery" ist eine theatralische Attacke auf die Tränendrüse ohne echten Inhalt. Die Handlung scheint wie bei einer Seifenoper nur ein Ziel zu verfolgen: Pathetische Gefühlsduselei zu schönen Bildern, die davon ablenken sollen, dass Charaktere und Handlung ziemlich blass aussehen. "Star Trek: Discovery" ist am bisherigen Tiefpunkt angelangt.

SPOILER-ALARM! Wer die Episode "Süße Trauer" noch nicht gesehen hat, sollte unverzüglich die Schutzschilde hochfahren.

 

Alles in nur 5 Minuten

Die Handlung dieser Episode ist eigentlich nebensächlich. Denn wie der Titel "Süße Trauer" schon sagt: Es geht hauptsächlich um die Erzeugung pathetischer Emotionen von der Stange.

Trotzdem kurz zusammengefasst: Die böse KI, wahlweise Control oder Leland genannt, ist mit einer ganzen Flotte auf dem Weg zur USS Discovery, um sich endlich die Sphären-Daten zur Selbstoptimierung zu holen. Da sich die USS Discovery nicht zerstören lässt, weil die erwähnten Daten die eigene Zerstörung verhindern, heckt Burnham den genialen Plan aus, das Schiff in die Zukunft zu schicken. Laut Langstreckensensoren sind die Bösen in 5 Minuten da, in Worten: fünf Minuten!

In dieser Zeit müssen Burnham und ihre Sidekicks eine Zeitmaschine (auf Basis des Zeitreiseanzuges ihrer Mutter) bauen und gleich auch noch die Energieversorgung dafür auftreiben. Fünf Minuten, wie gesagt. Es wäre auch absurd, hätten die Autoren einfach 30 Minuten geschrieben. Aber egal.

Ein kurzer Trip zum Planeten Xahea verschafft zusätzliche 20 Minuten. Dort wird die unlösbare Aufgabe natürlich erfolgreich abgeschlossen, aber selbstverständlich mit einem Wermutstropfen. Burnham wird mit der USS Discovery wie ihre Mutter in der Zukunft stranden. Natürlich entscheidet sich beinahe die gesamte Brücken-Crew mit ihr auf dieses Himmelfahrtskommando zu gehen. Daher muss in dieser kurzen Zeit auch noch ziemlich viel Abschiedsarbeit geleistet werden. Diese Abschiedsmomente werden dann aber auch ordentlich zelebriert.

 

Pathetischer Overkill

Jeder verabschiedet sich von jedem mit Tränen in den Augen. Burnham und Ash Tyler fallen sich noch einmal in die Arme und küssen sich leidenschaftlich, weil er der einzige ist, der ihr nicht folgt. Er fühlt sich dazu berufen, als "innerer Zirkel" der Sektion 31 in der Gegenwart gegen die böse KI zu kämpfen. Die Autoren trauen dem Publikum kein Langzeitgedächtnis zu. Der umgewandelte Klingone ist erst seit kurzer Zeit Mitglied der dubiosen Einheit.

Weiter geht's mit dem Verabschieden: Jeder schreibt noch Nachrichten an seine Liebsten, obwohl die KI die Kommunikation blockiert. Saru an seine Schwester, Tilly an ihre Mutter, Stamets an seinen Bruder und so weiter und so weiter.

Doch das Fass zum Überlaufen bringt eigentlich schon die erste und längste Abschiedsszene: Sarek und Amanda, die Adoptiveltern von Burnham, reisen per Schiff persönlich an! Jawohl, persönlich. Kein Scherz. Die alles kontrollierende KI hat jegliche Kommunikation zwischen Sternenflotte und der USS Discovery und der USS Enterprise unterbunden. Die beiden Schiffe sind abgeschnitten, ohne Hoffnung auf Hilfe. Aber Sarek hat durch seine Verbindung zu Burnham ihr Dilemma gefühlt, seine Frau in ein Raumschiff gepackt und ist dann schneller bei seiner Tochter als alle Schiffe, die ihr auf den Fersen sind. Einzige Logik dahinter: die Notwendigkeit, pathetisch Abschied zu nehmen.

Danach fliegen die besorgten Eltern in ihrem Schiff einfach wieder weg. Auf die Idee, Hilfe zu holen, kommen sie offenbar nicht. Es hat ihnen gereicht noch schnell "Ciao!" zu sagen. Ihren leiblichen Sohn Spock haben sie dabei leider vergessen. Diese Szene ist wie der Kristallisationspunkt von allem, was beim Story-Telling von "Star Trek: Discovery" falsch läuft.

Kaum sind alle mit ihren Abschieden durch, die Zeitmaschine und eine eigene Energiequelle dafür gebaut (wohlgemerkt alles in einem Zeitrahmen von etwa 25 Minuten), schon taucht die feindliche Flotte auf. Alles bereit zum großen Staffel-Showdown!

Fazit: In dieser vollkommen absurden Episode wird alles der Effekthascherei untergeordnet. Es gibt keine Logik an die sich dieser Plot halten würde. Das hat auch gar nichts mehr mit den rückblickend als unterhaltender Sci-Fi-Trash hingenommenen Absurditäten der Originalserie zu tun. Hier wird das Publikum für dumm verkauft. Spannung und Humor funktioniert heute anders. "Star Trek: Discovery" hat in einigen guten Momenten auch schon gezeigt wie es besser geht. Aber was in dieser vorletzten Episode der zweiten Staffel geboten wird, ist "Lazy Writing" wie man es in einer hochkarätig produzierten Serie mit guter Besetzung eigentlich nicht sehen sollte.

"Star Trek" war noch nie so schön anzuschauen und gleichzeitig so schlecht.