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Serien-Review
04/25/2019

Star Trek Discovery: Zurück in die Zukunft

Serien-Review: Das Finale der zweiten Staffel bügelt die Unstimmigkeiten mit dem Serien-Kanon weitgehend aus und macht das Prequel zum Sequel.

von Erwin Schotzger

Spät aber doch: Am Ende der zweiten Staffel ist die Prequel-Serie "Star Trek: Discovery" doch noch auf Linie mit dem Kanon der traditionsreichen TV-Serie. Aber das ist noch lange nicht alles, denn mit dem bei Showrunner Alex Kurtzman beliebten Trick der Zeitreise wird aus dem Prequel ab der dritten Staffel wohl doch noch eine Art von Sequel. Aber bevor wir in dieser Abrechnung mit "Star Trek: Discovery" zu viel verraten:

SPOILER-ALARM! Wer das Staffelfinale von "Star Trek: Discovery" noch nicht gesehen hat, sollte hier unverzüglich die Schilde hochfahren.

 

Action ohne Ende

Lieber ein Ende mit sinnloser Action als sinnlose Action ohne Ende. Wenn man das Finale von "Star Trek: Discovery" unter diesem Blickwinkel betrachtet, war es ein gelungenes Finale. Die Episode "Süße Trauer" (Originaltitel: "Such Sweet Sorrow") wurde ja zu einer Doppelfolge aufgeblasen. Die zweite Staffel bekam dadurch statt den ursprünglich geplanten 13 doch 14 Episoden. Hat es sich gelohnt? Auf jeden Fall, wenn man sich mit einem visuell eindrucksvollen Action-Spektakel zufriedengibt. Wenn man ein wenig mehr von "Star Trek" und dem Story-Telling in modernen Serien erwartet, dann eher nicht.

Showrunner Alex Kurtzman und sein Autorenteam bedienen sich schamlos im üppigen Repertoire der Popkultur: Künstliche Intelligenz als Bedrohung, epische Weltraumschlachten, ausgefeilte Alien-Masken, eindrucksvolle Kostüme. Bei Zeitreisen kann man ja sowieso nichts falsch machen, sollte man meinen. Aber im Endeffekt hat man alles schon irgendwo wesentlich besser gesehen.

 

Mehr Plot Holes als Sterne in der Galaxie

Aber am schlimmsten ist, dass die eigenen Geschichten immer nur halbherzig erzählt werden. Es wäre falsch, den Autoren in der zweiten Staffel vorzuwerfen, sie wüssten nicht wohin sie wollen. Denn im Großen und Ganzen weiß "Star Trek: Discovery" genau, wohin die Reise gehen soll. Nur will Kurtzman und sein Team scheinbar immer mit dem geringsten Aufwand und am schnellsten Weg zum Ziel kommen. Das Ergebnis sind Unstimmigkeiten und mehr Plot Holes als Sterne in der Galaxie.

So wird die Handlung rund um die künstliche Intelligenz "Control", in der viele Fans den Prototypen der Borg zu erkennen glaubten, ziemlich lieblos aufgelöst. Leland und die von ihm übernommene Flotte wird nach einem Spezialeffekte-Gewitter der Sonderklasse, zumindest für TV-Verhältnisse, vernichtend geschlagen. Offenbar waren wir doch nicht Zeugen bei der Geburtsstunde der Borg. Aber wer weiß, vielleicht hat sich die KI ja irgendwie doch noch als blinder Passagier auf der USS Discovery versteckt und wir begegnen "Control" in der dritten Staffel wieder.

Effekthascherei und Action als Selbstzweck

Visuell eindrucksvolle und temporeiche Action-Szenen können und sollen sogar von kleinen Lücken in der Handlung ablenken. Wem fällt die holprige Logik einer Zeitreise-Handlung auf, wenn das gebotene Abenteuer kaum Zeit zum Nachdenken lässt wie bei "Terminator" oder "Twelve Monkeys". Oder wenn das Ergebnis einfach Spaß macht wie bei "Zurück in die Zukunft". Doch hier ist der Plot so dünn und die Charakterentwicklung so banal, dass die aufgeblasene Action zum Selbstzweck verkommt. Dann schafft die Action es auch nicht mehr die Handlung zu unterstützen.

 

Platte Charaktere

Diese Effekthascherei und die offensichtliche Faulheit der Serienautoren bei der Charakterentwicklung sind die größten Probleme von "Star Trek: Discovery":

Michael Burnham ist zwar die einzige Figur, deren Charakter einigermaßen entwickelt wurde. Aber dennoch bleibt sie eine in vielerlei Hinsicht (zuletzt vor allem pathetisch) völlig überzeichnete Messias-Figur, die allen anderen Charakteren die Luft zum Atmen nimmt. Vom Prequel-Status der Serie abgesehen (aber dazu später) ist der zu starke Fokus auf Burnham wohl ein weiterer nicht unwesentlicher Makel.

Tilly hatte großes Potenzial, doch nichts davon wurde genutzt. Sie hat sich von der jugendlichen Quasselstrippe zum typischen "Mary Sue"-Charakter entwickelt, nur um am Ende der zweiten Staffel zur schusseligen Lachnummer für zwischendurch degradiert zu werden.

Auch bei Wissenschaftsoffizier Stamets und Doktor Culber kommt der Eindruck auf, dass die beiden Charaktere vor allem der Effekthascherei dienen, diesmal nicht nach Action, sondern nach Emotion im Seifenoper-Stil. Das wäre ja durchaus legitim. Aber müssen gerade diese LGBT-Charaktere so dermaßen klischeehaft gezeichnet werden?

Wozu die Ingenieurin Jet Reno überhaupt eingeführt wurde, ist ein einziges Mysterium. Sie wird von der Stand-Up-Comedian Tig Notaro gespielt und hätte ein witziges Pendant zu Scotty aus der Originalserie werden können. Aber auch dieses Potenzial wurde nicht genutzt. Reno hat kaum Profil entwickelt, von grantigen, aber mäßig lustigen Scharmützeln mit Stamets abgesehen.

Auch Philippa Georgiou überzeugt nicht wirklich. Zumindest nicht so sehr, dass sie einen eigenen Serien-Spin-Off tragen könnte. Von Ash Tyler und L'Rell wollen wir gar nicht erst reden. Der einzige gelungene Charakter ist Anson Mount als Captain Christoper Pike. Doch er war nur ein Lückenbüßer, der nach der zweiten Staffel wieder ausscheidet.

 

Vom Prequel zum Sequel?

Kommen wir nach diesen geringfügigen Abschweifungen zur Handlung der finalen Episode: Die USS Discovery soll in die Zukunft geschickt werden, um die dort (offenbar unlöschbar) gespeicherten Daten vor dem Zugriff der bösen KI "Control" in Sicherheit zu bringen. Diese rückt in Form einer ganzen Flotte von Raumschiffen an. Es entbrennt ein Action-reicher Kampf, der den Großteil der Episode einnimmt. Die USS Enterprise deckt die USS Discovery, bis Burnham mit dem nachgebauten Zeitreise-Anzug ihrer Mutter ein Wurmloch in die Zukunft öffnet. Das geht freilich nicht so einfach, was das Action-Spektakel noch extra verlängert. Burnham muss zuerst noch die fünf Signale in die Vergangenheit schicken, erst dann kann sie mit dem Anzug die Zukunft anpeilen.

Dass sie es schafft, war von Anfang an klar. Sie öffnet das Wurmloch und reist 950 Jahre in die Zukunft. Die USS Discovery folgt ihr mit der gesamten Crew, darunter Saru (wohl der künftige Captain), Tilly, Stamets, Dr. Culber, Reno, Joann Owosekun, Keyla Detmer, R. A. Bryce, Gen Rhys und auch Georgiou. Die Ankunft in der Zukunft und im Beta-Quadranten wird durch das siebente Signal bestätigt. So hat es Burnham mit Spock vereinbart. Somit wird also auch die Spin-Off-Serie mit Georgiou in der Hauptrolle in der Zukunft spielen.

 

Wieder auf Linie mit dem Serien-Kanon

Pike, Spock, Ash Tyler und die Crew der USS Enterprise bleiben zurück. In ihren Berichten an die Sternenflotte berichten sie alle, dass die USS Discovery zerstört wurde. Die Sternenflotte erklärt die ganze Sache – die böse KI, die Zeitreise-Technologie, etc. – zum "Staatsgeheimnis". Niemand soll in Zukunft über die USS Discovery und die gesamte Crew ein Wort verlieren. Ash Tyler soll die Sektion 31 neu organisieren und wird zum Chef ernannt – eine völlig absurde Entwicklung, wenn man bedenkt, dass er erst vor kurzem Teil dieser Organisation wurde und nicht einmal ein Mensch ist. Seine Loyalitäten sollten nicht nur für Föderation höchst fragwürdig sein.

 

Fazit: Am Ende der zweiten Staffel ist "Star Trek. Discovery" wie von Showrunner Kurtzman versprochen wieder auf Linie mit dem Serien-Kanon. Doch das Ziel wurde recht billig und mit geringstem kreativen Aufwand erreicht. Typisch für die gesamte TV-Serie.

Viel Interessanter ist jedoch der Zeitsprung in eine ferne Zukunft. Die dritte Staffel wird nun 950 Jahre in der Zukunft stattfinden, also auch rund 830 Jahre in der Zukunft von "Star Trek" Deep Space 9" und "Star Trek: Voyager". Das kommt einem Neustart der Serie gleich und befreit die Serienautoren von allen Beschränkungen einer Prequel-Serie. "Star Trek: Discovery" kann sich jetzt endlich ohne Rücksicht auf die alten "Star Trek"-Serien entfalten.

Das eröffnet neue Möglichkeiten und könnte der Serie guttun. Allerdings ändert sich nichts am Showrunner und am Autoren-Team der Serie. Mit dem schlechten Erzählstil der Serie ist also weiterhin zu rechnen.

Wir bleiben daher bei unserem Resümee: "Star Trek" war noch nie so schön anzuschauen und gleichzeitig so schlecht geschrieben!