Palermo oder Wolfsburg

 Deutschland / Schweiz 1979
Drama 177 min.
6.80
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Die Geschichte eines jungen Sizilianers, der in Wolfsburg Arbeit sucht, zwei Menschen tötet und erst vor Gericht durch das Eingeständnis seiner Tat seine Identität wiederfindet.

Eine Liebesgeschichte in vielerlei Hinsicht, erzählt in drei vordergründig disparaten Strängen: Im ersten wird des Protagonisten Heimat und kultureller Hintergrund skizziert, im zweiten dessen Ankunft und Erfahrungen in der Volkswagen-Stadt Wolfsburg in düsteren, bedrängenden Bildern gezeichnet, musikalisch unterlegt von einem oppressiven Musikmotiv und der omnipräsenten Anwesenheit des VW-Emblems, der dritte mündet schließlich in eine furiose Gerichtsszene mit surrealen Anklängen. Es wird eine bewusst subjektive, emotionale und romantisierende Sicht auf die bundesrepublikanische Aufbauphase gezeigt, in der Leben nur noch verwaltet und bürokratisiert wird, «ein Land, in dem es kein Licht gibt, keine Liebe, nur Arbeit» und einer idealisierten, exotisierten, ursprünglichen «Heimat». Ich habe einen Film gesehen, in dem der 17-jährige Nicola aus Sizilien von Deutschland träumt, weil er für seinen Vater das Geld für einen Acker verdienen will, deshalb nach Deutschland geht und dort zum «Mörder» wird. Deutschland, ein furchtbarer Traum, tapeziert mit den Insignien des technischen und materiellen Vorteils, in dem die Leute aus einem bestimmten Süden immer noch «Spaghetti» oder «Maccaroni» gerufen werden. Ich habe einen Film aus Sizilien gesehen, in dem das Licht, in dem die Armen wohnen, zärtlich und voller Gesänge ist. Ich habe auch gesehen, wie der Verlust an Landschaft und Licht in Wolfsburg die Sprache von Nicola zum Schweigen bringt. Die Insignie von VW als Brandstempel in einem flachen, ausgelöschten Himmel. Die neonbeleuchteten Durchgänge zur Gegenwelt des entfremdeten Handelns ohne Figur, nur mit Schatten bevölkert. Und wenn Nicola hier zum Messer greift, dann erzählt das nicht mehr, als dass die Sprache als Vermittler vorher entmenschlicht worden ist. Ich habe mit Freude den Geschichten in den Bildern zugeschaut - in Palermo. Und hieße ich Nicola, so wäre es denkbar, dass mir in Wolfburg auch die Sprache abhanden gekommen wäre. (Hans Noever, 1980)

(Text: Viennale 2008)

Details

Nicola Zarbo (Nicola), Ida di Benedetto (Giovanna), Magdalena Montezuma (Rechtsanwältin), Otto Sander (Staatsanwalt), Calogero Arancio (Nicolas Vater), Padre Pace (Pfarrer), Cavaliere Comparato (Großgrundbesitzer), Brigitte Tilg (Brigitte Hahn), Gisela Hahn (Brigittes Mutter), Antonio Orlando (Antonio), Johannes Wacker (Richter), Ula Stoeckl (Schöffin), Tamara Kafka (Zeugin), Harry Baer (Hausbesetzer), Ines Zamurovic (Dolmetscherin), Isolde Barth (Sängerin)
Werner Schroeter
Alban Berg
Thomas Mauch
Werner Schroeter, Giuseppe Fava

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