Filmkritiken
03.05.2017

"Sieben Minuten nach Mitternacht": Der Borkenriese als Märchenonkel

Ein 12jähriger Junge, der gerade eine schwere Phase durchlebt, flüchtet sich in eine Phantasiewelt und erweckt einen Baum zum Leben.

Habt Ihr heute schon Bruder Baum umarmt? Diese Frage braucht man dem jungen Conor nicht zu stellen - der gibt seinem Lieblingsbaum sogar die Hand oder steigt gleich ganz auf dessen Handfläche, um sich dort für ein Nickerchen niederzulassen.

Ein echtes Problem-Kind

Der 12jährige Junge durchlebt gerade eine schwere Phase: seine alleinerziehende Mutter leidet an Krebs. Noch dazu verschlechtert sich die Krankheit der Frau und sie wird zu einer Chemotherapie ins Spital eingewiesen. Für die kommende Zeit muss Conor zu seiner Großmutter ( Sigourney Weaver) ziehen, obwohl er die Frau nicht leiden kann und deren Haus als Museum empfindet, in dem man nichts anfassen darf. Sein Vater reist zwar aus LA an, doch das wird nur ein kurzer Besuch, denn der Mann hat inzwischen eine neue Familie in Amerika (und dort ist für Conor auf Dauer kein Platz). Damit nicht genug, wird der Junge oft von einem älteren Klassenkameraden und dessen Kumpanen verprügelt, weil sich der Schläger durch Conors Blicke provoziert fühlt; und nachts sucht ihn ein regelmäßig wiederkehrender Alptraum heim, in dem eine einstürzende Friedhofskirche einen tiefen Krater auf dem Totenacker hinterlässt, der auch seine Mutter zu verschlinge droht.

Der Baum-Therapeut

Kein Wunder, dass sich der begeisterte Zeichner immer stärker von der Mitwelt abkapselt und in eine Phantasiewelt flüchtet. Der Friedhofshügel wird von einer alten Eibe dominiert und gerade dieser Baum gewinnt in Conors lebhafter Phantasien, nachdem er mit seiner Mutter den alte „King Kong“-Film gesehen hat, ein unheimliches Eigenleben. Der starke Baumriese rappelt sich immer pünktlich um 00:07 auf und kommt bei dem Jungen vorbei, doch statt der erhofften praktischen Hilfe bietet das Borkenmonster - mit Liam Neesons Stimme - bloß folgenden Deal an: es wird in den kommenden Tagen drei Geschichten erzählen und Conor soll danach über seinen eigenen Alptraum berichten, um sich seinen Ängsten zu stellen.

Einbruch des Wunderbaren

Hier muss ein Junge mit einem harten Schicksalsschlag fertig werden und die Gefahr ist groß, dass alles in Kitsch abrutscht. Das weiß Regisseur J. A. Bayona jedoch konsequent zu verhindern: bei ihm bleibt für falsch verstandene Rührseligkeit kein Platz. Der Spanier findet immer wieder eindrucksvolle Bilder, um den Einbruch des Wunderbaren in die alltägliche Welt anschaulich werden zu lassen (einmal genügt dafür sogar eine extrem vergrößerte Bleistiftspitze). Die eingestreuten (Märchen)geschichten werden in Animationsform erzählt und es hat den Anschein, als würden prächtige Wasserfarben dafür verwendet. Das erscheint wirkt alles sehr ernsthaft, poetisch und zutiefst berührend.

Auf Spielbergs Spuren

Der Regisseur steht auf Grund von Erzählweise und Thematik dieser Geschichte stark in Steven Spielbergs Schuld; und der Baum wirkt die meiste Zeit über wie ein relativ freundlicher Gigant. Spielberg selbst dürfte den Film auch mögen – darauf deutet zumindest der Umstand hin, dass Bayona gerade an einem Sequel zu „Jurassic World“ arbeitet (und wenn er mit dem Baumriesen klargekommen ist, wird ihm das bei den Riesenechsen sicher auch gelingen).

9 von 10 wildwuchernden Eibenästen.

franco schedl

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