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12/04/2017

Vikings: Es bleibt auch ohne Ragnar spannend

Serien-Review: Die fünfte Staffel von "Vikings" muss erstmals ganz ohne die Hauptfigur Ragnar Lodbrok auskommen. In den ersten beiden Episoden ist das gut gelungen.

In der fünften Staffel der erfolgreichen History Channel-Serie "Vikings" gehen die Wikinger erstmals ohne ihren charismatischen Anführer Ragnar Lodbrok auf Eroberungsfeldzüge. Ragnar starb in der zweiten Hälfte der vierten Staffel, was einen Rachefeldzug seiner Söhne gegen England zur Folge hatte. Dabei segnete auch Ragnars englischer Gegenspieler König Egbert von Wessex das Zeitliche. In der letzten Folge gerieten sich dann auch noch Ragnars Söhne in die Haare: Ivar (Alex Høgh Andersen) tötete in einem Wutanfall seinen Bruder Sigurd. Hier schließt die fünfte Staffel an – und es wird schnell klar, dass es auch ohne Ragnar geht. Doch auch die Gefahr der Wiederholung lässt sich nicht ganz von der Hand weisen.

Achtung SPOILER! Wem das Überraschungsmoment der Wikinger-Raubzüge entscheidend erscheint, sollte den folgenden Serien-Review nicht weiterlesen.

Immer wieder England

Die Ermordung von Sigurd durch Ivar löst verständlicherweise Spannungen zwischen den Brüdern aus. Aber auch die Beteuerung im Affekt gehandelt zu haben, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ivar über Leichen geht. Vor allem Ubbe, der älteste Sohn von Ragnar und Aslaug, spürt die Konkurrenz durch Ivar. Auf die beiden Ragnar-Söhnen werden zwei zentrale Eigenschaften der ehemaligen Hauptfigur aufgeteilt: Ubbe hat die nachdenkliche Seite seines Vaters geerbt und will auch neue Siedlungsgebiete für die Wikinger erschließen. Ivar ist brutaler Krieger und kühner Stratege, aber von seinen irrationalen Emotionen getrieben. Vorläufig einigen sich die Brüder noch darauf nach Norden zu ziehen und York zu erobern. Aber es ist klar, dass Ivar sich für den wahren Nachfolger seines Vaters hält und früher oder später den Führungsanspruch stellen wird.

Dieser Konflikt der Söhne ist interessant, aber der Schauplatz in England läuft Gefahr ähnliche Geschichten zu wiederholen. Ja, es gibt mit dem Kriegerbischof Heahmund (Jonathan Rhys Meyers) einen neuen Gegenspieler für Ivar und seine Brüder. Auch Alfred, der Sohn von Judith und Athelstan, kommt neu ins Spiel. Aber irgendwie erinnert das Szenario dann doch sehr an eine Wiederholung der Geschichte rund um Ragnar, Egbert und Athelstan mit anders verteilten Rollen, die wir schon in vorigen Staffeln gesehen haben.

Immer wieder Kattegat

Das Gefühl eines Déjà-vus macht sich auch beim Handlungsstrang in Kattegat breit. Während Bjorn in Richtung Mittelmeer in See sticht, kehrt König Harald nach Kattegat zurück. Dort hat Lagertha schon in der letzten Staffel den Coup gegen ihr Matriarchat abgewehrt, hinter dem sie Harald – zu Recht – vermutet. Der will immer noch König von Norwegen werden. Lagertha begeht den Fehler ihn nicht sofort zu eliminieren. Er kann fliehen und entführt Astrid, die er als seine Braut gewinnen will. Gemischte Gefühle auch hier: Was führt Harald im Schilde? Das ist durchaus ein interessanter Aspekt der Kattegat-Story. Aber auch die bedrohte Herrschaft in Kattegat ist ein sich wiederholendes Motiv.

Floki und Bjorn beschreiten Neuland

Neuland im wahrsten Sinne des Wortes beschreiten hingegen Floki und Bjorn. Beide trennen sich von Wikinger-Heer in England. Bjorn zieht mit seinem Heer weiter in Richtung Mittelmeer – und wer die Geschichte kennt, weiß, dass dort die Wikinger bleibende Spuren hinterlassen haben.

Floki sticht mit einem von ihm konstruierten Ein-Mann-Boot alleine in See. Er will sich von den Göttern leiten lassen und meint schließlich tatsächlich an seinem Ziel, Asgard, angekommen zu sein. Auch wenn es nur Island ist, werden hier neue Wege beschritten.

Es bleibt spannend

"Vikings" hat zwar einige interessante Charaktere aufgebaut, war aber immer sehr auf die Hauptfigur Ragnar Lodbrok fokussiert. Anders als bei "Game of Thrones" laufen die Handlungsstränge der verschiedenen Schauplätzen nicht zusammen. Im Gegenteil: Die faszinierenden Raubzüge und Landnahmen der Wikinger gingen in "Vikings" vom kleinen Dorf Kattegat aus und laufen immer mehr auseinander. Die Herausforderung der Serie wird es sein, rechtzeitig starke Charaktere wie Rollo, Bjorn, Floki und Ivar aufzubauen, die an den verschiedenen Schauplätzen neue Handlungsstränge tragen können. Bei Ivar ist das schon einmal gut gelungen, wenn die Handlung in England Abwechslung und unerwartete Überraschungen bereithält. Doch ob England noch ausreichend Stoff für eine bereits geplante sechste Staffel hergibt, bleibt abzuwarten.

Erwin Schotzger