Filmkritiken
09/20/2018

„Wackersdorf“: Ein Dorf wehrt sich gegen Atomkraft

Oliver Haffner erzählt in "Wackersdorf" über Bürgerproteste gegen die Errichtung eines Atomkraftwerks.

Bayern in den 80ern. Durch die hohe Arbeitslosenquote zieht Landesrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler) den Unmut seiner Gemeinde auf sich. Da kommt es wie gerufen, als die Vertreter der bayrischen Staatsregierung an seinem Büro anklopfen und ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann. Um der Arbeitslosigkeit in Wackersdorf entgegenzuwirken, soll ein zukunftsweisendes industrielles Großprojekt errichtet werden, mit anderen Worten – eine nukleare Wiederaufbereitungsanlage. Zunächst freuen sich der Lokalpolitiker und seine Anhänger über den bevorstehenden wirtschaftlichen Aufschwung, doch als sie erfahren, was sich hinter diesem Hochglanz-Projekt verbirgt, gehen sie auf die Barrikaden. Ein unerbittlicher Kampf um die Zukunft der Region bricht aus.

Aktuell

Wie die aktuellen Demonstrationen im Hambacher Forst zeigen, hat der Geist von Wackersdorf noch immer nichts von seiner Kraft verloren. Oliver Haffner konzentriert sich in seinem Geschichtsdrama hauptsächlich auf die politische Ebene des Konflikts zwischen Staat und Bevölkerung und schafft es dadurch, dem Zuseher einen Einblick in eine Welt zu geben, die ihm für gewöhnlich verschlossen bleibt. Sekretärinnen, Büroleiter und Parteifunktionäre werden weder als eiskalte Profitgeier noch als Dorftrotteln mit zu viel Macht porträtiert. Alle streben nach einem besseren Leben für ihre Familien und ihre Nachkommen.

Steirer als Bayer

Johannes Zeiler als Landesrat Hans Schuierer ist großartig. Er meistert scheinbar mühelos den Balanceakt zwischen politischer Autorität und ländlicher Naivität. Zeiler bietet allein schon wegen seines Äußeren eine hervorragende Identifikationsfläche für den Zuseher. Das sorgfältig ausgewählte Kostüm und sein angelernter bayrischer Akzent vervollständigen das Bild eines ambitionierten Landesrats. Ihm gegenüber steht der fantastische Sigi Zimmerschmied als Umweltminister, der es kaum wie ein anderer schafft, sein verhängnisvolles Vorhaben mit einer gehörigen Portion Humor zu übertünchen. Verhandlungen finden hier natürlich bei Weißwurst und Bier statt, versteht sich.

Lokalkolorit

Wackersdorf“ ist sowohl ein spannendes als auch lehrreiches Drama über die Notwendigkeit von zivilem Ungehorsam. Der jüngeren Generation werden die damaligen Ereignisse fremd sein, umso wichtiger ist es, sie heute nochmals in Erinnerung zu rufen. Trotz knapp über zwei Stunden Lauflänge ist die Geschichte über das unbeugsame Dorf stets unterhaltsam, das hängt vor allem mit den dynamischen Charakteren und deren Entwicklung im Laufe der Handlung zusammen. „Wackersdorf“ ist für jede Altersklasse geeignet und kann auch durch sein Lokalkolorit punkten.

6 von 10 Demonstrationen

Özgür Anil

Die Geschichte über den gepalten Bau der Wiederaufbereitungsanlage und den Protest der Bürger dagegen als packendes Polit-Drama inszeniert.