Zapiski putevogo obkhodchika / Duniezharyk / Notes by the Trackman / The Lineman's Diary

 Kasachstan 2006
Independent 64 min.
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Zu Beginn ist ein alter Mann zu sehen. Er geht auf uns zu, hält immer wieder inne, macht seitliche Ausfallschritte, dann sonderbare Bewegungen: Er schwankt hin und her, federt auf und ab. Zwischendurch scheint er zu lauschen - auf das Geräusch vielleicht, das der Boden unter seinen Füßen macht, oder ganz allgemein in die Weite der kasachischen Steppe hinein, in der die Eisenbahnschienen verlegt sind, auf denen er entlang marschiert. Der alte Mann ist Streckenläufer, er ist blind und eigentlich schon in Rente, doch von den Schwellen kann er nicht lassen. Er kennt sie wie seine Westentasche, er hat das Wissen über sie in seinen Beinen, seinen Ohren, seinem Körper, und keine neumodisch computergesteuerte Streckenüberwachungs-Messmaschine kann es an Genauigkeit und Zuverlässigkeit mit ihm aufnehmen. Im Laufe der Geschichte wird sich das auch noch herausstellen. Zhanabek Zhetiruov praktiziert in Notes by the Trackman die hohe Kunst der verknappten Erzählung. Auf den ersten Blick passiert nicht viel, spielt sich das Wenige an echter Handlung im Privaten, Kleinteiligen, Provinziellen ab: Der Sohn kommt in die Schule in der Stadt. Der Vater wird in eine Schlägerei verwickelt, als er einer hübschen Frau nachläuft. Die Mutter droht, den Vater zu verlassen. Der blinde Großvater wird beim Schilfschneiden von den Lausbuben des Dorfes geärgert. Auf den zweiten Blick aber, oder zwischen den Bildern, oder in der Lakonie ihrer Abfolge, erschließt sich eine weitere Dimension, und die ist grundsätzlicher. Voll aufmerksamer Freundlichkeit erzählt Zhetiruov nämlich auch die Geschichte eines Generationenwechsels, erzählt von den Problemen und Konflikten, die er mit sich bringen, den Erfahrungen und Erinnerungen, die mit ihm verloren gehen können. In diesem Zusammenhang kommt der Blindheit des Großvaters symbolische Funktion zu. Seine Augen, die nichts sehen, lenken die Aufmerksamkeit auf andere Arten seiner Wahrnehmung. Auf das große Vertrauen, das sein Körper zu dem Raum hat, der ihn umgibt, und auf die Sicherheit, mit der er diesem Raum begegnet. Kein Keil ist getrieben zwischen diesen Menschen und seine Welt. Und nicht Angst, sondern Fürsorge bestimmt ihr Verhältnis. (Alexandra Seitz)

(Text: Viennale 2007)

Details

Nurzhuman Ikhtymbayev (Bahnwärter), Aldabek Shalbayev (Sohn)
Zhanabek Zhetiruov
Kuat Shildebayev
Boris Troshev
Zhanabek Zhetiruov

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