Blokada

 RU 2006
Dokumentation 52 min.
7.60
film.at poster

Sechzehn Monate, von September 1941 bis zum Januar 1943, war die sowjetische Millionenstadt Leningrad von Hitlers Truppen eingeschlossen, wurde bombardiert und beschossen. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Energie brach zusammen, über 750.000 Zivilisten starben, doch die ehemalige Residenz der Zaren und stolze «Hauptstadt» der Revolutionen von 1905 und 1917 hielt der Belagerung stand. Sergei Loznitsa hat ausschließlich mit Archivmaterial ein Porträt des heutigen St. Petersburg zusammengestellt und schildert die Blockade aus der Sicht der damaligen Bewohner. Blockade ist keine Kriegsberichterstattung, wie man sie von den hinlänglich bekannten Fernsehdokumentationen kennt. Loznitsa beschränkt seine Auswahl bewusst aufs «Hinterland», zeigt nicht die spektakulären Schlachtengemälde, sondern das Material, das die sowjetische Berichterstattung seinerzeit wohl auch aus propagandistischen Gründen aussparte, das stille Leiden des Krieges. Not macht erfinderisch - man sieht Kolonnen von Leningradern, die in den Überresten nach dem Wenigen fürs Überleben suchen - und apathisch: erschütternd die Bilder von Toten an den Straßenrändern, an denen die Passanten teilnahmslos vorbeigehen, konzentriert auf den eigenen Überlebenskampf. Dziga Vertovs dokumentar-ästhetisches Konzept des «Kino-Auges» scheint dahinter zu stehen, ein Ultra-Realismus, der die Kamera gleichsam frei von Ideologie «alles» filmen lässt, als minutiöses Protokoll des sich Ereignenden. Dieser Ästhetik folgt auch Loznitsa, indem er das vorgefundene Material nicht (oder kaum) schneidet, sondern nur (chronologisch) reiht. Schwarzbilder zwischen den Sequenzen, die oft da abbrechen, wo dem Kameramann einst das Filmmaterial ausging, machen dies deutlich. Den an sich stummen Aufnahmen hat Vladimir Golovnitsky eine dezente, weil ganz auf Musik oder Kommentare verzichtende atmosphärische Nachvertonung unterlegt, die Geräusche der Straße, das Klingeln der Straßenbahnen, das wortlose Scharren der Überlebenden im Schnee nach Resten. (Jörg Meyer)

(Text: Viennale 2006)

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Sergei Loznitsa
Sergei Loznitsa

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