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Filmkritiken
10/30/2018

"Bohemian Rhapsody": Mr. Fahrenheit - der King von Queen

Rami Malek verwandelt sich auf atemberaubende Weise in Freddie Mercury. Das Biopic selbst kann nicht ganz überzeugen.

Ausgestattet mit Ruderleiberl und markantem Schnauzbart kann man Weltkarriere machen – vorausgesetzt man verfügt noch dazu über die entsprechende Stimme und nennt sich Freddie Mercury.

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Nach dem Biopic-Bauplan

Regisseur Bryan Singer hat sich ja bisher eher als Spezialist für X-Men erwiesen, aber bei seinem Namen wundert es uns eigentlich nicht, dass er auch etwas von Musik versteht. Von der Struktur her erinnert sein Film stark an das Biopic über einen anderen Sänger: „Walk the Line“. Hier wie dort wird die Handlung durch ein wichtiges Konzert eingeklammert – war es bei Johnny Cash der Auftritt im Folsom Prison, ist es hier die Teilnahme von „Queen“ am Live Aid-Event von 1985.  Zu Beginn erwacht Freddie in Gesellschaft vieler Katzen und wir begleiten ihn bei seinen Vorbereitungen für einen Auftritt durch den Backstage-Bereich, bis er vor einem Riesenpublikum auf die Bühne hinaustritt. Erst viele Minuten später ist auch klar, um welches Konzert es sich hier handelt.

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Freddie als großer Verschweiger

Zunächst erleben wir aber den sehr konventionell heruntererzählten Aufstieg von Farrokh Bulsara zum großen Star Freddie Mercury mit. Im abgekürzten Verfahren wird hier die Handlung vorangetrieben und komplexe Sachverhalte erscheinen dadurch oft allzu vereinfacht.  Größten Wert legt der Film darauf, zu zeigen, wie sehr der Sänger mit seiner Herkunft haderte und ein Leben des Verschweigens und Verleugnens führte: über seine pakistanischen Wurzeln spricht er so gut wie nie und seine Bandmitglieder erfahren erst relativ spät, dass Freddie gar nicht in England geboren wurde. Ein weiteres sensibles Thema ist seine sexuelle Orientierung: erst nach etlichen Jahren des Zusammenlebens gesteht er der lebenslangen Freundin Mary seine Homosexualität (ein öffentliches Coming-Out wird es nie geben) und als er dann an AIDS erkrankt ist, macht er diesen Umstand auch erst am Vortag seines Todes publik. Dass er im Film die Bandkollegen bereits knapp vor dem Live Aid-Auftritt über seinen HIV-Status informiert, entspricht zweifellos nicht der Wahrheit. Angeblich haben sie es vier Jahre später oder womöglich gar erst in seinem letzten Lebensjahr erfahren.

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Absoluter Höhepunkt: Live-Aid

In der Karriere jedes echten Rockstars ist auch einmal ein Tiefpunkt erreicht: hier wird er sehr oberflächlich durch den Einfluss eines intriganten homosexuellen Freundes motiviert, der Freddie von der restlichen Welt abschotten möchte und ihn dazu bringt, seinen Manager zu entlassen und mit den Bandkollegen zu brechen.  Erst dank weiblicher Hilfe durch die alte Freundin gehen ihm die Augen auf, und die selbstzerstörerische Phase voll Alkohol, Drogen, Tabletten und (sehr zurückhaltend angedeuteten) Sex findet einen Abschluss durch die Wiedervereinigung von „Queen“ sowie den Live-Aid-Termin, auf den der Film von Beginn an zusteuert.  Und zugleich macht Freddie laut Drehbuch mit diesem Auftritt auch seinen Vater glücklich, indem er dessen alte Lebensregel beherzigt, etwas aus gutem Willen zum Wohl der Menschen zu tun - hier ist es ein gagenloser Auftritt im Rahmen einer Spendenaktion für die Hungernden dieser Welt (und „Bohemian Rhapsody“ lässt es noch dazu so aussehen, als wäre gerade durch „Queen's“ Mitwirken an Live Aid die Millionengrenze der Geldspenden gesprengt worden).

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Rami Maleks Verwandlung

Singers Film bestätigt einmal mehr, dass Mercury ein Stimmwunder mit geradezu magischer Bühnenpräsenz gewesen ist. Das größere Wunder scheint hier jedoch zu sein, wie es Rami Malek geglückt ist, sich in Freddie zu verwandeln:  er hat sich dessen Persona tatsächlich mit Haut und Haar angeeignet und imitiert „Mr. Fahrenheits“ Sprechweise und Bewegungsmuster bis zur größten Perfektion (eine Zahnprothese hat obendrein die optische Ähnlichkeit erhöht). Störend ist hingegen, dass das Drehbuch mit den üblichen Klischees nicht spart und viel zu dick aufträgt, damit das grandiose Live Aid-Konzert als großes Finale inszeniert werden kann, in dem alles zusammenkommt: große Reue, große Versöhnung, großes Geständnis, große Gefühle, großer Stolz (bei den Eltern), großes Konzert und große Spenden. Das klingt nach einer großen Übertreibung. Außerdem bleibt völlig ausgespart, dass der Künstler danach noch weitere sechs Jahre lang ein produktives, obzwar von Krankheit gezeichnetes, Leben führte.

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Singers Rauswurf

Nicht nur in der erzählten Biografie ist es zu Turbulenzen gekommen, sondern auch hinter der Kamera hat es unschöne Auftritte gegeben. Während der Dreharbeiten dürfte sich Singer zu sehr mit seiner Hauptfigur identifiziert und selbst das Verhalten eines Rockstars an den Tag gelegt haben: angeblich ist er prinzipiell zu spät am Set erschienen oder unentschuldigt gleich ein paar Tage lang ganz verschwunden und hat sich Rami Malek gegenüber sehr unfein benommen – was dazu führte, dass Singer gefeuert wurde und Berufskollege Dexter Fletcher an 16 Drehtagen als Regisseur eingesprungen ist, sowie die Postproduktion des Films überwacht hat. Sein Name bleibt im fertigen Werk aus rechtlichen Gründen allerdings ungenannt, aber vielleicht ist es als Wiedergutmachung für diese verschwiegene Hilfe zu werten, dass Fletcher im kommenden Biopic über Elton John („Rocketman“) ganz alleine und hochoffiziell Regie führen wird.

3 ½ von 5 abgebrochenen Mikroständern

franco schedl