Der Gruen-Effekt

 A 2009
Dokumentation 55 min.
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Victor Gruen war einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Annette Baldauf und Katharina Weingartner bieten in ihrem Dokumentarfilm Einblick in seine Vision einer Stadt als lebendigem Markplatz und die fatalen Irrtümer dieses überzeugten Sozialisten: Vor 50 Jahren erfand Victor Gruen die Shopping Mall. Wie grundlegend sein Konzept die Welt verändern würde, konnte selbst der als gigantomanisch bekannte Emigrant aus Wien nicht ahnen. Shopping hat sich seither als dominante Kraft unseres Lebens durchgesetzt. In westlichen Städten organisiert Konsum alles - von ökonomischen Strukturen, sozialen Beziehungen und Politik bis hin zu den kleinsten Details des Alltagslebens.
In der Architektur wird jener Sog, in den wir geraten, wenn wir etwas Konkretes einkaufen wollen und uns plötzlich in ziellosem Shoppen und Flanieren verlieren, als "Gruen-Effekt" bezeichnet. Victor Gruen gilt aber nicht nur als Vater der Shopping Mall, er war auch maßgeblich an der Entwicklung der Fußgängerzone und letztendlich der Stadt als Mall beteiligt.

Zusammen mit seiner Frau entwickelte er in den 50er Jahren das Konzept einer "Shopping Town", die das soziale Leben in der isolierenden Vorstadt stärken und die formlosen Zerfransungen strukturieren sollte. Sehr zum Ärger Gruens wurden in den bald sehr populären Zentren am Stadtrand die ursprünglich integrierten nicht-kommerziellen Räume, wie Postämter, Bibliotheken und Kindergärten in Verkaufsräume umgewandelt - aus der "Shopping Town" wurde die Shopping Mall, eine gigantische Verkaufsmaschine mit unvorstellbaren Folgen.
1968 kehrte Gruen nach Wien zurück und kämpfte als Visionär, seiner Zeit lange voraus, gegen das Auto, für eine Fußgängerzone im gesamten Ersten Bezirk und eine Stadt der kurzen Wege. Auch wenn die Stadt Wien Gruens Konzept nur halbherzig realisierte und die Innenstadt mehr und mehr zur Open-Air-Mall und zum kitschigen Themenpark der eigenen Vergangenheit mutierte, so bieten Gruens Visionen, Irrtümer und Übersetzungsfehler heute eine produktive Voraussetzung für eine Diskussion über die Zukunft unserer Städte.

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Annette Baldauf, Katharina Weingartner

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