Dolls

 J 2002
Independent 31.03.2003 113 min.
7.70
film.at poster

Für seinen zehnten Film ließ sich Takeshi Kitano von einer traditionellen japanischen Kunstform inspirieren: dem Bunraku-Puppentheater.

Der Film beginnt mit einer Sequenz, die die Puppenspieler und die Puppen zeigt, von denen jede einzelne von nicht weniger als drei Menschen bewegt wird. Die traditionellen Bunraku-Geschichten dienen Kitano als Rahmen für seine drei modernen Erzählungen. Die erste Geschichte erzählt von einem jungen Mann, Matsumoto, der dabei ist, eine konventionelle Ehe einzugehen, um seine Eltern glücklich zu machen. Deswegen hat er auch Sawako, die wahre Liebe seines Lebens, aufgegeben, die daraufhin dem Wahnsinn verfällt. Als er schon vor dem Altar steht, erkennt Matsumoto, dass er einen Fehler gemacht hat, rettet Sawako aus dem Spital und bindet sie, weil sie völlig von ihm abhängig ist, mit einer langen roten Schnur an sich. Solcherart zusammengebunden, unternehmen sie eine Reise, die sie durch alle vier Jahreszeiten führt. Kitano flicht zwei weitere Geschichten ein: die eines alternden Yakuza-Bosses, der mächtig und reich ist, aber einsam und in schlechter gesundheitlicher Verfassung; und die einer jungen Popsängerin, die von Millionen Menschen abgöttisch verehrt wird, aber trotzdem nicht glücklich ist.
Die Kombination der Künstlichkeit des Puppentheaters und des kinematografischen Realismus erlaubt es Kitano, kühne und ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen. So entsteht sein bisher ambitioniertester Film. In dieser beeindruckenden und berührenden Arbeit, die sich mit leidenschaftlichen Gefühlen wie Einsamkeit, Trauer und Liebe befasst, enthüllt Kitano außerdem eine Welt von unglaublicher physischer Schönheit: die der japanischen Landschaft in all ihren verschiedenen Stimmungen und Schattierungen. (Giovanna Fulvi)

Details

Miho Kanno (Sawako), Hidetoshi Nishijima (Matsumoto), Tatsuya Mihashi (Hiro, der Gangsterboss), Chieko Matsubara (die Frau im Park), Kyoko Fukada (Haruna, der Popstar), Tsutomu Takeshige (Nukui, der Fan)
Takeshi Kitano
Joe Hisaishi
Katsumi Yanagijima
Takeshi Kitano
Stadtkino Verleih

Kritiken

Kinoprogramm

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User Kritiken

  • Dolls
    Eine Szene aus einem Bunraku-Theater-Stück steht am Anfang des Filmes: Lebensgroße Puppen, geführt von den schwarz gekleideten Kurago (=Puppenmeister), erzählen die Geschichte von einer verkauften Liebe. Gleich geleiteten Puppen agieren auch die Hauptakteure des Films: Wie an Fäden hängend, wandern Matsumoto und Sawako als Bettlerpaar durch die Jahreszeiten.

    Eine Rückblende zeigt die Vergangenheit des Paares: Matsumoto und Sawako wollen heiraten, jedoch arrangieren die Eltern des Bräutigams eine Hochzeit mit der reichen Tochter des Firmenchefs. Matsumoto stimmt vorerst zu. Als Sawako von der Hochzeit erfährt, wird sie vor Trauer wahnsinnig und verfällt in eine Apathie, in der niemand mehr zu ihr durchdringen kann: Sie erkennt keine bekannten Gesichter mehr. Als Matsumoto von Sawako hört, überkommt ihn eine unendliche Reue, verlässt seine Hochzeit und eilt in die Nervenanstalt, jedoch Sawako zeigt bei seinem Anblick keine Erkenntnis.

    Verzweifelt nimmt Matsumoto Sawako aus der Anstalt und lebt von an mit ihr in seinem Auto. Eine Unrast ohne Ziel (?) befällt Sawako. Matsumoto bindet Sawako mit einer einfachen Wäscheleine an sich (Man beachte, wie die ¿Schnur¿ im Laufe des Filmes immer kostbarer wird!), gleich einem Versprechen sie nie wieder loszulassen und zieht mit ihr bettelnd durch das Land.

    Das Paar wandert auf seiner Reise vorbei an weiteren Gestalten, deren Geschichten in den Film verwoben sind, einem schönen Regenbogenteppich gleich: Einem altem Yakuza-Boss, der seine Geliebte in früher Jugend zurückgelassen hat und die dennoch all die Jahre auf ihn in einem Park mit gekochtem Mittagessen auf ihn wartet. Oder dem Fan einer Pop-Sängerin, der, um sie zu sehen, sogar zum Blinden wird.

    Kitano erzählt Geschichten von der ewigen Liebe bis in den Tod und vor allem von den bedienungslosen Opfern, die für diese Liebe in Kauf genommen werden. Im Gegensatz zu seinen sonstigen Filmen verzichtet Beat Takeshi auf die explizite Darstellung von Gewalt, dennoch wirken manche Szenen unglaublich erschreckend. Auch die sonst üblichen schnellen Schnitte oder den kindlichen Humor sucht man (weitgehend) vergebens. Stattdessen wird der Film mit einer unglaublichen, magischen Langsamkeit zelebriert. Wer mit der Erwartung an einen typischen Kitano Film ins Kino geht, wird bitter enttäuscht werden.

    Ja, der Film ist lange, aber wer jedoch mit einer offenen Seele und Geduld den Film besucht, wird unvergessliche Momente erleben: Atemberaubende Bilder, von wein-ahorn-roter Schönheit (Hero-Liebhaber werden sehen, dass man es NOCH besser machen kann), tiefgehende Symbole, über die man noch Nächte nachdenken kann und ein so tiefes Gefühl der Liebe, dass Tränen (sowohl vor Freude, wie auch Kummer) schwer zurückzuhalten sind. (Noch eine zusätzliche private Empfehlung hierzu: Ein sehr gutes Glas Rotwein noch ins Kino schmuggeln und mit allen Sinnen genießen.)

    Ein letztes Detail am Rande: Die Kostüme, die so perfekt zu den Jahreszeiten passen und die in ihrem Reichtum an den Bettlern (als Gegensatz und Nicht-Gegensatz) wirken, wurden von Stardesigner Yohji Yamamoto entworfen und sind alleine den Eintritt wert.

    8 von 10 ewigen Liebesbeweisen