© Guest of Honour

Filmkritik
08/05/2020

"Guest of Honour": Die Rache des Lebensmittelinspektors

Das neue Familiendrama von Atom Egoyan feierte seine Premiere auf den Filmfestspielen in Venedig.

von Oezguer Anil

Guest of Honour“ erzählt eine Vater-Tochter-Beziehung auf unterschiedlichsten Zeitebenen. Die inzwischen Erwachsene Veronica (Laysla de Oliviera), spricht mit einem Geistlichen (Luke Wilson) über das Leben ihres verstorbenen Vaters Jim (David Thewlis). Wie ein filmisches Gedicht springt die Erzählung hier von einem Ort zum Nächsten. Perspektiven werden gewechselt, Rückblenden in weitere Rückblenden verpackt, Konflikte nur angedeutet und trotzdem behält man hier den Überblick. Mit einer Mischung aus Humor und Nostalgie bekommt man einen Einblick in das Leben zweier außergwöhnlicher Menschen, die einen an Helden großer Romane erinnern.

Zeitsprünge

Im Lauf ihres Lebens werden Jim und Veronica mehrmals von Schicksalsschlägen zurückgeworfen. Die einzelnen Handlungsstränge sind jedoch so klug miteinander verwoben, dass sie stets miteinander korrespondieren und gleichzeitig ihr dramatisches Potential entfalten können. Der ehemalige Restaurantbesitzer Jim pickt sich Restaurants von Migranten heraus, die er bis zu den kleinsten Details auskundschaftet, um schließlich über ihre zukünftige Existenz zu entscheiden. Die anfängliche Skepsis, ob ein Mitarbeiter einer Lebensmittelbehörde genug Strahlkraft für eine Hauptfigur hat, weicht schnell der Begeisterung für David Thewlis Schauspiel.

Reisende

Atom Egoyan zählt zu den international renomiertesten Filmemachern unserer Zeit. Der Kanadier mit armenischen Wurzeln wird auch in seinem neusten Werk seinem Ruf des Kosmopoliten gerecht. Seine Figuren kommen aus den unterschiedlichsten Teilen der Erde und sind alle auf ihre eigene Art und Weise fremd. Diese Melancholie spürt man vor allem in der Figur von Jim, der eine Art Reisender in seiner eigenen Stadt ist.

Originell

Die Idee für den Film kam Egoyan als er selber Besuch eines Lebensmittelinspekteurs in seiner Bar erhielt. Ausgehend von der Macht eines einzelnen Beamten kreierte er ein vielschichtiges Drehbuch, das vor allem durch seine Themenvielfalt und glaubwürdigen Charaktere überzeugt. Fragen nach der moralischen Verantwortung von Eltern für die Taten ihrer Kinder gepaart mit dem Versuch, Erinnerungen zu rekonstruieren, bilden hier einen erzählerischen Rahmen, der die Zuseher zwar nicht durch Spannung an ihre Sitze fesselt, aber dafür subtile zwischenmenschliche Kränkungen sichtbar macht. „Guest of Honour“ ist ein leises Drama, das sich die nötige Zeit für die Figurenentwicklung nimmt. Große melodramatische Momente weichen hier verzweifelten Tiraden über die eigene Unzulänglichkeit, weshalb die Geschichte mehr für den Kopf als für das Herz ist.

Starke Leistung

David Thewlis gehört zu den großen britischen Darstellern unserer Zeit. Seinen Durchbruch feierte er in Mike Leighs Charakterstudie „Naked“ für den er 1993 in Cannes mit dem Preis als bester Darsteller ausgezeichnet wurde. Es folgten Rollen in Klassikern wie „Sieben Jahre in Tibet“, „The Big Lebowski“ und der Harry Potter–Reihe. Seine Tochter wird von Laysla de Oliviera und der Priester von Luke Wilson gespielt, der sich nach zahlreichen Komödien nun auch dramatischen Stoffen annähert. Auch wenn die Vater-Tochter-Beziehung im Zentrum der Geschichte steht, hatten de Oliviera und Thewlis nur zwei Drehtage zusammen. Mehr als diese zwei Tage hätte es jedoch auch nicht gebraucht, denn „Guest of Honour“ spielt mehr mit der Assoziationsfähigkeit des Publikums als mit der direkten Bebilderung des Offensichtlichen.

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Jim und seine Tochter Veronica, eine junge Musiklehrerin an der Highschool, versuchen, ihre komplizierte Geschichte und ihre verschlungenen Geheimnisse zu entschlüsseln.