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Filmkritik
10/15/2019

"Maleficent: Mächte der Finsternis": Die dunkle Fee trifft eine noch dunklere Schwiegermutter

Eine gelungene Fortsetzung der eigenwilligen "Dornröschen"-Version mit der gehörnten und geflügelten Angelina Jolie.

von Franco Schedl

Nach fünfjähriger Pause hat sich Angelina Jolie wieder Bockshörner und Flügel wachsen lassen. War die Handlung des ersten Teils noch eine sehr freie „Dornröschen“-Version, betritt die Fortsetzung ohne erkennbare Vorbilder märchenhaftes Neuland. Die dunkle Fee ist Maleficent dem Namen nach geblieben, aber zu den Bösen zählt sie schon längst nicht mehr: unter dem heilsamen Einfluss ihrer Patentochter Aurora (Elle Fanning) hat sich ihre Düsternis aufgehellt.

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Unfriede statt Hochzeit

Doch das bleibt nicht immer so, denn als Aurora das zauberhafte Reich der Moore verlassen will, weil sie den Heiratsantrag ihres schon lange geliebten Prinzen Phillip angenommen hat, erwacht in der dunklen Fee die alte Abneigung gegen Menschen. Sie hat auch allen Grund, misstrauisch zu sein: während Auroras künftiger Schwiegervater ein friedliebender König ist, erweist sich die Schwiegermutter Königin Ingrith als gefährlich verschlagene Frau. Michelle Pfeiffer spielt diesen Charakter mit der nötigen Unerbittlichkeit und man sieht ihren harten Blicken sofort an, dass sie nichts Gutes im Schilde führt. Was auf ein freudiges Ereignis in Form einer Hochzeit zusteuern sollte, entwickelt sich bald zu einer Bedrohung für Menschen und Feenreich. Auf beiden Seiten gibt es überzeugte Kriegstreiber und der Hass auf die vermeintlichen Feinde ist groß. Ein schreckliches Gemetzel scheint unvermeidbar zu sein. Auch die spitze Spindel mit dem Schlafzauber entfaltet wieder ihre Wirkung – bloß fällt diesmal zur Abwechslung ein Mann in den magischen Schlummer.

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Artgenossen von Maleficent

Das Drehbuch wurde erneut von Linda Woolverton verfasst, die ja bereits im ersten Film bewiesen hat, wie geschickt sie bekannte Märchenmotive mit neuem Sinn aufzuladen versteht. Auch diese Story erweist sich im innersten Kern als äußerst zeitgemäßes Lehrstück in Sachen Fake News und Propaganda. Andererseits müssen wir unsere intellektuellen Interpretationskräfte auch nicht überstrapazieren, denn die Verlockungen, einfach in die überirdisch schönen Fantasiewelten einzutauchen, sind ebenfalls sehr stark. Noch dazu trifft Maleficent bald auf etliche Artgenossen, die fernab der Menschenwelt eine eigene Zivilisation gegründet haben – zu ihnen gehören z. B. auch Ed Skrein und Chiwetel Ejiofor. Sobald die Kamera deren gewagte Flugkunststücke mitverfolgt, könnten wir uns direkt in einen Ableger von „Avatar“ versetzt fühlen, obwohl den geflügelten Hornträgern die blaue Hautfarbe fehlt. Als alte Bekannte begrüßen wir hingegen die drei Blumenfeen Knotgrass (Imelda Staunton), Flittle (Lesley Manville) und Thistlewit (Juno Temple) – sie spielen zwar keine wirklich tragenden Rollen mehr, doch zumindest eine von ihnen wird im entscheidenden Moment opfermutig eine große Gefahr abwenden.

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Maleficents“ zweites Abenteuer entgeht der Gefahr vieler Fortsetzungen, deren Geschichten nur äußerst erzwungen an die ursprüngliche Handlung anzuknüpfen versuchen. Die Ereignisse entwickeln sich hier durchaus organisch und führen die frühere Story sinnvoll fort. Für Angelina Jolie ist diese Figur obendrein ein reiner Glücksfall und verhilft ihr nach wie vor zu einer ihrer besten Rollen. Spitze Wangenknochen, lange gebogene Hörner und riesige schwarze Flügel passen einfach perfekt zu ihr.

4 von 5 vergoldeten Elfenbeinen