Filmkritik: The New Mutants (2020)

© Walt Disney Company

Filmkritik
09/10/2020

"The New Mutants" im Kino: Teenie-Superhelden gefangen in Gruselklischees

Der letzte X-Men-Film von Regisseur Josh Boone ist ein halbherziger Mix aus Horror- und Coming-of-Age-Film, der letztendlich in beiden Genres nicht überzeugt.

von Erwin Schotzger

X-Men-Fans können sich freuen: "The New Mutants" – der letzte Marvel-Film des von Disney übernommenen Hollywood-Studios 20th Century Fox – kommt doch noch in die heimischen Kinos. Ursprünglich hätte der Film schon im April 2018 starten sollen. Nach insgesamt wohl an die fünf Verschiebungen des Starttermins ist es nun endlich soweit. Trotz der langen Odyssee ins Kino steht Regisseur und Drehbuchautor Josh Boone ("Das Schicksal ist ein mieser Verräter") zu seinem Film, der schon jetzt eine der verkorkstesten Entstehungsgeschichten der jüngeren Vergangenheit hat (ähnlich wie "Justice League" beim Marvel-Konkurrenten DC). Der zwischendurch angekündigte Nachdreh, der den Film noch gruseliger machen sollte, hat angeblich nie stattgefunden. Lediglich in der Frühphase des Films sei der ursprünglich vorgesehene Schurke Warlock aus Kostengründen aus der Geschichte entfernt worden. Schuld an der Verzögerung ist demnach also hauptsächlich die komplizierte Konzernübernahme durch Disney.

Nun ist "The New Mutants" aber endlich da. Die brennende Frage, die sich stellt: Hat sich das Warten gelohnt?

 

Breakfast Club der Teenie-Superhelden

"The New Mutants" spielt im Kino-Universum der X-Men-Filme, in dem junge Menschen während der Pubertät beginnen Superkräfte zu entwickeln. Die junge Cherokee Danielle Moonstar (Blu Hunt) hat aber anders als die berühmten X-Men nicht das Glück auf Professor Charles Xavier zu treffen, als ihre Kräfte beginnen, sich zu manifestieren. Als eine mysteriöse Bedrohung ihr Dorf auslöscht, wacht sie angekettet an einem Krankenbett in einer noch viel mysteriöseren Anstalt auf. Die Ärztin Dr. Reyes (Alice Braga) erklärt der verstörten Dani, dass ihre Familie tot, sie ein Mutant und zu ihrem eigenen Schutz hier sei – bis sie ihre Kräfte kontrollieren kann. Außer Dani gibt es auch noch vier weitere Insassen dieser seltsamen Anstalt, die wie ein Spukhaus aus dem 19. Jahrhundert aussieht, aber mit Kameras und moderner Überwachungstechnologie gespickt ist:

Die katholische Rahne Sinclair (Maisie Williams) kann sich in einen Wolf verwandeln. Die rebellische Illyana Rasputin (Anya Taylor-Joy) kann aus dem Nichts ein magisches Schwert in ihre Hand zaubern und sich in eine schauerliche Limbo-Dimension teleportieren. Der ruhige Sam Guthrie (Charlie Heaton) kann sich selbst wie eine Kanonenkugel durch die Lüfte schleudern, hat aber mit der Landung noch so seine Probleme. Der jungfräuliche Schönling Roberto da Costa (Henry Zaga) verwandelt sich in eine menschliche Fackel, wenn es emotional zu hitzig wird.

Das Setting erinnert ein wenig an den Teenie-Kultfilm "The Breakfast Club" (1985), in dem fünf Jugendliche in der Schule nachsitzen müssen, sich dabei kennenlernen und hinter dem Rücken des fiesen Direktors Blödsinn treiben. Hier kommt allerdings durch die seltsame Spukhaus-Anstalt noch ein Horror-Element hinzu, vom Superhelden-Aspekt einmal abgesehen. Denn alle fünf Mutanten sind durch das erste Auftreten ihrer Kräfte traumatisiert worden. Der oberflächlich netten Dr. Reyes vertrauen sie nicht wirklich. Aber immerhin nehmen sie doch an, dass sie irgendwann einmal – wenn sie ihre Kräfte kontrollieren können – auch Superhelden wie die X-Men werden sollen. Die Ankunft von Dani in dieser Runde bringt natürlich einiges in Bewegung. Immer mehr kommen Zweifel an Dr. Reyes und ihren wohlwollenden Absichten auf.

Gefangen in stereotypen Horror-Versatzstücken

Das "Breakfast Club"-Setting in einer geschlossenen Anstalt für junge Mutanten, die erst die Kontrolle über ihre Kräfte lernen müssen, ist an sich eine gute Idee. Auch die Kombination mit Horror- oder Thriller-Elementen klingt vielversprechend. Schließlich ist auch die Besetzung durchaus gut gewählt. Vor allem Anya Taylor-Joy überzeugt als Illyana Rasputin, in den Marvel-Comics bekannt als Magik. Lediglich Charlie Heaton sollte sich vielleicht überlegen, ob er seine Rollen immer genau so anlegen will wie Jonathan Byers in "Stranger Things". Die überschaubare schauspielerische Bandbreite könnte das Publikum schnell langweilen. Allerdings gibt das Drehbuch den Schauspielern auch nicht viel Spielraum. Regisseur Boone, der auch das Drehbuch (gemeinsam mit dem Autor Knate Lee) geschrieben hat, ist eindeutig kein John Hughes. Denn die Charaktere bleiben sehr flach, nie erreicht die Interaktion zwischen den Figuren eine emotionale Tiefe wie in "Breakfast Club". Somit funktioniert der Film schon einmal als Coming-of-Age-Film nur sehr oberflächlich.

Zu allem Übel kann Boone aber auch Horror nicht wirklich. Denn die Gruselatmosphäre im Film versucht er ausschließlich durch generische Horror-Versatzstücke (und nicht einmal Teenie-Horror!) zu erzeugen: Zimmer wie Gefängniszellen, generische Monster, ein Krankenhaus wie eine geschlossene Anstalt aus dem 19. Jahrhundert mit langen Gängen, seltsamen Türen, finsteren Ecken und Dachböden, mysteriöse Rückblicke. Gleichzeitig will er aber moderne Teenager darstellen – die würden sich wohl am meisten über so eine verrückte Anstalt wundern, in der es kein Personal außer Dr. Reyes gibt. Das World-Building von "The New Mutants" ist einfach zu widersprüchlich und absurd, um es ernst zu nehmen. Die aufgrund des Drehbuches seichten Charaktere bleiben daher gefangen in einer unglaubwürdigen, aus stereotypen Horror-Versatzstücken zusammengezimmerten Geschichte. Dabei hätte man aus der Grundidee – "Breakfast Club" meets "Einer flog über das Kuckucksnest" im X-Men-Universum – so viel herausholen können.

Ob es an Josh Boone und seinem Drehbuch liegt? Oder doch an der verkorksten Entstehungsgeschichte des Films? Schwer zu sagen.

Ob sich das Warten gelohnt hat? Nur wenn Vorfreude die schönste Freude ist und man die Erwartungen vor dem Film ordentlich herunterschraubt!

 

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