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Filmkritik
08/11/2020

"The Vigil – Die Totenwache": Mit Gebetsriemen gegen den Totengeist

Autor und Regisseur Keith Thomas führt uns ins chassidische New York und verschafft uns Grusel jenseits der üblichen Horror-Klischees.

von Franco Schedl

Gerade Exorzismusfilme sind für alle, die auf christliches Brimborium nicht stehen, schwer erträglich. Es wirkt - je nach Stimmungslage des Betrachters - schnell lächer- oder ärgerlich, wenn da ein Mann in Kutte mit einem Kruzifix herumwedelt, Weihwasser verspritzt und zwanghaft Beschwörungsformeln herunterbetet, auf dass die teuflischen Dämonen wieder weichen. Umso erfreulicher ist ein Horrorfilm, der sich auf eine andere Religion konzentriert.

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Ein Job für eine Nacht

The Vigil“ führt uns nach New York in eine streng chassidische Gemeinde. Dort lebt der junge Yakov (Dave Davis). Er nimmt es zwar mit der ultraorthodoxen Auffassung des Judentums nicht mehr so genau, lässt sich aber durch Vermittlung eines Rabbiners für einen etwas makabren Auftrag engagieren. Die Religion sieht vor, dass jemand eine Nacht lang als sogenannter ‚Schomer‘ an der Seite eines verstorbenen Gemeindemitgliedes wacht; falls es sich um keinen Verwandten handelt, wird er dafür sogar bezahlt. Yakov sollte zu denken geben, dass sein Vorgänger bei dieser Aufgabe bereits gescheitert ist und die Flucht ergriffen hat, doch der junge Mann braucht dringend Geld. In der Wohnung des Toten trifft er auf eine alte demenzkranke Witwe und wird in einen Raum geführt, wo die Leiche in ein weißes Tuch gehüllt aufgebahrt liegt. Aber wird sie auch wirklich lange ruhig dort liegen bleiben? Der Verstorbene war Holocaust-Überlebender und stand im Ruf, etwas seltsam zu sein, weil er seit Jahren sein Haus nicht mehr verlassen hat - angeblich fühlte er sich von etwas verfolgt. Die Witwe scheint darüber mehr zu wissen und spricht eine klare Warnung aus. So viel ist bald sicher: Die traditionelle Totenwacht nimmt wohl einen äußerst untraditionellen Verlauf.

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Der Totengeist greift an

Yakov bekommt es nämlich mit einem Mazik zu tun, worunter man im jüdischen Volksglauben einen Totengeist versteht. Dieser Dämon spielt mit seinen Opfern nicht nur wie die Katze mit der Maus, sondern nährt sich vor allem von ihren Schuldgefühlen und Ängsten;  und Yakov erweist sich hier als idealer Kandidat. Erst kürzlich geriet er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder auf der Straße in einen antisemitischen Übergriff, der fatale Folgen hatte. Seither leidet er unter schweren psychischen Störungen, ist auf ärztliche Hilfe angewiesen und braucht Medikamente (weshalb zunächst auch in der Schwebe bleibt, ob sich die unheimlichen Vorfälle vielleicht nur in seiner Psyche abspielen).

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Geistergeschichte ohne Genre-Klischees

Autor und Regisseur Keith Thomas verwendet in seinem ersten Langfilm einen Stoff, der an klassische alte Geistergeschichten erinnert. Immer schon gab es Menschen, die aus Übermut oder sonstigen Gründen eine Nacht an der Seite eines Toten oder in einem Spukhaus verbringen wollten und dieses Wagnis bald schwer bereuten.  Doch Thomas verzichtet auf gängige Genre-Klischees und fügt diesem Stoff einen wichtigen kulturellen Hintergrund hinzu, wodurch die Handlung ganz neue Dimensionen gewinnt und tief in die Leidensgeschichte eines ganzen Volkes eintaucht. Freigesetzt wurde die Heimsuchung durch den uralten Dämon nämlich einst in den Wäldern um das KZ Buchenwald. Dieser ungewöhnliche Horrorfilm ist nicht nur hinreißend gut gespielt, sondern verfügt über einen extrem wohldurchdachten Spannungsaufbau. Hier steigert sich der Schrecken stetig – von ungewöhnlichen Geräuschen im Zimmer oberhalb, über flackernde Lichter und Handkrämpfen, bis zu schattenhaften Gestalten und dem Moment, als der Mazik sein wahres Gesicht (also seinen verdrehten Kopf) zeigt.  Dabei ist gar kein großer Einsatz von Spezialeffekten nötig, um eine unheimliche Stimmung entstehen zu lassen, doch als man zuletzt das Spukwesen mit seinen langen Klauenfingern sieht, könnte es direkt aus „Pan’s Labyrinth“ entsprungen sein.

Christliche Symbole bleiben zwar außen vor, doch religiöse Insignien spielen dennoch eine Rolle. Wenn sich Yakov zum letzten Kräftemessen mit dem Dämon Gebetsriemen um die Arme schlingt, wirkt er wie ein Boxer, der sich vor dem Entscheidungskampf die Fäuste bandagiert. Man kann ihm nur wünschen, dass der Totengeist tatsächlich schnell k.o. geht.  

4 von 5 verkrampften Extremitäten

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Ein Angehöriger einer orthodoxen jüdischen Gemeinde findet sich während einer Totenwache mit einer bösen Wesenheit konfrontiert.