L.A. Plays Itself

 USA 1972
Independent, Avantgarde 55 min.
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L.A. Plays Itself beginnt mit der Aufnahme eines Straßenschildes, das an der Stadtgrenze von Los Angeles aufgestellt ist. Die darauf angegebene Einwohnerzahl der Stadt, auf 2,535.700 beziffert, erinnert an eine längst vergangene Etappe ihres Wachstums. Die Szenerie verändert sich, der neblige Malibu Canyon erscheint wie eine unwirkliche Oase am äußersten Rand der Großstadt. Als Voiceover hören wir irgendeinen Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen Halsted und einem anderen Mann, dessen Akzent ihn als ehemals in Philadelphia oder Baltimore beheimatet ausweist. Dieser Mann äußert die Feststellung «Los Angeles stinkt», was Fred, in der ihm eigenen gleichgültigen Unaufgeregtheit, pariert mit der bedächtigen Entgegnung, dass es hier zu viele New Yorker gäbe. Die langsam ausgeblendeten Stimmen werden abgelöst von japanischer Koto-Musik, während mittlerweile die Natur in prächtigsten Bildern erstrahlt. Ein einsamer Wanderer macht Rast an einem Fluss. Er begegnet einem nackten Blonden - vielleicht eine männliche Wasserelfe - der anbietet, es ihm zu besorgen. Ihre erotische Zusammenkunft wird von sich nähernden Bulldozern unterbrochen, Sinnbilder der permanent vorangetriebenen Ausnutzung von Grund und Boden für alles, was der örtlichen Wirtschaft Gewinne bringt und dabei diese Zufluchts-orte für Sex in Waldesabgeschiedenheit kaputt macht. Die zweite Hälfte von L.A. Plays Itself zeigt etwas schon eher Finsteres. Ein älterer Mann verführt und vergewaltigt einen jungfräulich Unschuldigen. Üblicherweise wird in dieser Szene eine Darstellung des Beginns der Beziehung von Fred Halsted und Joseph Yale gesehen, obwohl das nicht so selbstverständlich ist, wie es scheinen mag. Voiceover-Dialog stellt den Jüngeren als Cowboy und Stricher vor, der unlängst aus Texas herüber gekommen ist. Er ist verrückt danach, mit Halsted, den wir im Bild sehen und dessen samtige Stimme zu hören ist, «herum zu ficken». Halsted macht sich erbötig, ihm zu zeigen, wie's im umseilten Ring so zugeht, und es stellt sich heraus, dass der Hinweis auf die Seile buchstäblich gemeint ist: Der Jüngere wird gefesselt, geschlagen, getreten und zum Höhepunkt des Films wird ihm die Faust in den Arsch gerammt. Es war tatsächlich Joey Yale, der die Faust rein bekam, aber vielleicht hat er es bereut, zugelassen zu haben, sich in einer solchen Situation filmen zu lassen. Kurz nach dem Abdrehen der Szene rannte er weg. Schon am Schnitt arbeitend, zwang Mangel an Material Halsted, mit einem anderen Mann weiter zu drehen, der, hart gesagt, einfach die Funktion eines Fleisch-Dummys hatte. Gelegentlich war auch die Stimme im Soundtrack nicht die von Joey Yale, sondern die irgendeines drögen Landeis oder sonst eines umwerfend überzeugenden, aber ungenannt gebliebenen Darstellers. Von woher das nachgestellte Gespräch zwischen Halsted und dem Cowboy zu hören ist, bleibt unklar. Es wirkt eher wie ein Kommentar als von denen gesprochen, die man vor Ort sieht. Die Handlung zwischen Halsted und Yale wird nicht als eine einzige zusammenhängende Szene ausgespielt, sondern immer wieder unterbrochen von anderen Bildern: Fred, wie er in Hollywood mit seinem roten Ranchero herumkreuzt, Hippies, die sich im Griffith-Park treffen. Eine Menge unidentifizierbarer Männer haben Kurzauftritte mit ihren heimlich gefilmten Eiern oder Ärschen. Junge Arbeiter tragen schmutzige Jeans, das abgewetzte Gewebe im Schritt hebt das hervor, was Aficionados als das beste Stück vom Fleisch bezeichnen würden. Das Bilder-Sammelsurium und der asynchron ablaufende Ton können die Vorstellung eingeben, dass wir nicht nur eine Szene zwischen zwei Männern sehen, von denen einige wissen, dass die beiden tatsächlich ein Paar sind, sondern gleichzeitig eine archetypische Geschichte, die sich vor dem Hintergrund eines Hollywood der frühen 70er Jahre abspielt. L.A. Plays Itself liefert nicht das erwartete Immergleiche an Filmglamour und Stars, sondern zeigt Augenblicke des Lebens der Straße, das Hollywood der Slums. Der Film fesselt und verstört und gewinnt über die Jahre immer mehr an Kraft. Bevor L.A. Plays Itself in die Kinos kam, drehte Halsted noch einen kurzen Begleitfilm, Sex Garage. Wie L.A. Plays Itself hat Sex Garage die feste Absicht, ehrlichen, unverblümten Sex darzustellen, worauf der Titel schon anspielt. Das meiste wurde tatsächlich in einer Garage in den Hollywood Hills gedreht, in ungefähr sechs Stunden. Sex Garage verweigert sich irgendwelchen Konventionen des Genres, so kaum entwickelt sie im Gay-Porno von 1972 auch gewesen sein mögen - tut das aber auf ganz andere Art als L.A. Plays Itself. 38 Minuten lang und in schwarzweiß gedreht, beginnt Sex Garage mit einer Fellatio, leidenschaftlich ausgeführt von einer Frau an ihrem langhaarigen Freund, dem Mechaniker der Autowerkstatt, wie sich herausstellt. Er findet später noch andere Arten der Betätigung. Über Hetero-Sex zwischen Hippie-Kids, oft in bildfüllenden Detailaufnahmen gezeigt, fließt schon einmal beiläufig Bi-Sex in einen Gay-Porno ein, lange bevor Bi als eigenes Genre in den frühen 90ern in Mode kam. Im ersten Teil von Sex Garage springt der Film, ähnlich den Szenenfolgen in L.A. Plays Itself, zwischen zwei verschiedenen Schauplätzen hin und her, denen jeweils ein bestimmtes musikalisches Thema zugeordnet bleibt: einmal der Soul-Song «When Tomorrow Comes» von «The Emotions» und «Jesu, Joy of a Man's Desiring» in der Klavierbearbeitung von Myra Hess. Das Kameraauge kann sich nicht satt sehen am Anblick von Geld, verweilt ausgiebig bei schaumbeflockter Körperbehaarung und dem Wasser, das in den Abfluss einer Dusche gesogen wird. Ebenso bei Wandkalendern und «Girlie-Blättchen», wie sie besonders zu der Sorte Werkstätte gehören, in der eine ältere Generation von Mechanikern geschraubt hat. Ein Mann, der in der Dusche gestanden hat, zieht sich später an und fährt in einer Luxuskarosse bei der Garage vor. Er verschreckt die Frau, sie rennt Hals über Kopf mit ihren Stiefeletten im Arm davon. Der Reiche beginnt daraufhin, dem blonden Hippie-Mechaniker zu Bach-Klängen zu huldigen. Als er es ihm dann besorgt, fährt ein anderer Mann sein Motorrad in die Werkstatt. Der Biker hat lange Haare und einen Bart, unter seiner Lederkluft trägt er einen Hodenschutz, der aussieht, als wäre er noch nie gewaschen worden. Mit seiner Ankunft wird der Sex der beiden anderen heftiger. Dann wird der Reiche, der mittlerweile die abgelegten Höschen der Frau trägt, vom Biker gefickt, während der Mechaniker ihm den Kopf ins Klo gedrückt hält. Der Vorgang wird wiedergegeben in einer stückelnden Montage, begleitet vom analogen Gepfeife und Gedröhne eines Synthesizers. Frauen auf alten «Zuckermäuschen»-Fotos scheinen Zeuginnen der Szene zu werden, die zum Höhepunkt kommt, wenn der Biker das Abgasrohr seines Motorrads missbraucht. Er ejakuliert auf den Sitz der Maschine, das «Jesu, Joy of a Man's Desiring» ist wieder zu hören, und schließlich verlassen alle Beteiligten die Sex-Werkstätte. Anmerkung: 1984 verkauften Fred Halsted und Joseph Yale alle Vertriebsrechte an ihren Filmen, einschließlich denen an und an HIS Video, einer Unterabteilung der VCA (Video Company of America). Aus , wie es 1990 von VCA auf VHS Cassette herausgebracht wurde, war die Faustfick-Szene herausgeschnitten. Die hier gezeigte Version von ist der Versuch, die ursprüngliche Kinoversion unter Verwendung von Material aus alten Videokopien so getreu wie möglich zu rekonstruieren. Kopien der beiden Filme können gegenwärtig nicht verliehen werden, und die Originalnegative gelten als verloren. William E. Jones

(Text: Viennale 2008)

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Paul Barresi, Bob Blount, Rick Coates, Jim Frost, Fred Halsted, Joey Yale
Fred Halsted

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