L' Esquive - Harlekin

 F 2003

L'esquive

Drama 117 min.
6.90
film.at poster

Ein Engel - mitten in einer Sozialsiedlung in der Nähe von Paris. Das empfindet der 15-jährige Abdelkrim, "Krimo" genannt, beim Anblick seiner Klassenkameradin Lydia.

Was Rivette mit Schauspielschülerinnen und Chéreau mit Pariser Mädchen inszeniert hat: Der nordafrikanische Filmemacher Kechiche wirft die Texte des Rokokodichters Merivaux unter die Kids depravierter Einwandererfamilien in den tristen Wohnsilos der Vorstädte. Und siehe, als Rap provoziert die höfische Verwechslungskomödie den rauen Stolz, die zarten Gefühle und die aggressive Selbstbehauptung der Töchter und Söhne der Ärmsten. LEsquive ist ein kleines Wunder so nahe am Leben und mit leichter Hand eingeschrieben in die sozialen Verhältnisse dieser Welt, dass es einem den Atem nimmt.

Wollte Rokokodramatiker Marivaux mit seiner Beziehungskomödie wenig mehr als die Hofgesellschaft zu kitzeln, ist sie in St. Denis, einer von Hochhäusern dominierten Trabantenstadt im Norden von Paris, durchaus gesellschaftskritisch aufgeladen. Ein bisschen Standesbewusstsein und Selbstbehauptungswillen will die sozial engagierte Lehrerin ihren 16-jährigen Laienschauspielern vermitteln, allesamt rekrutiert unter den Söhnen und Töchtern sozial schwacher Einwandererfamilien. Die Premiere vor versammelter Elternschaft steht unmittelbar bevor. Lydia und ihre Freundinnen streiten fluchend und spuckend über die richtige Interpretation ihrer Rollen und sind damit würdige Nachfolgerinnen des historischen Dienstpersonals. Und Krimo, der sich der Truppe anschließt, indem er einem Freund das Narrenkostüm abschwatzt, um spielend Lydias Herz zu erobern, ist ein Buffo im doppelten Sinne, weil es dem in sich gefangenen Scheidungskind nicht gelingt, auf der Bühne und im Leben seine Schüchternheit zu überwinden. Abdellatif Kechiche ist das Kunststück gelungen, mit seinen jugendlichen Darstellern eine Redeschlacht von beeindruckender Intensität und Glaubwürdigkeit zu entwickeln, die zugleich zum Ausdruck einer neuen Generation wird. Über die ethnischen, religiösen und sogar sozialen Grenzen hinweg hat diese zu einer eigenen Sprache und Verständigungsformen gefunden, die in ihrer Aufrichtigkeit und Schönheit dem repressiven Polizeiapparat, der in den Jugendlichen nichts anderes mehr zu sehen vermag als potenzielle Kriminelle, weit überlegen ist. (Martin Rosefeldt)

(Text: Viennale 2004)

Details

Osman Elkharraz (Krimo), Sara Forestier (Lydia), Sabrina Ouazani (Frida), Nanou Benahmou (Nanou), Hafet Ben-Ahmed (Fathi), Aurélie Ganito (Magalie), Carole Franck (Lehrerin)
Abdellatif Kechiche
Lubomir Bakchev
Abdellatif Kechiche, Ghalya Lacroix
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