Spoilerfreier Serien-Review: Hunters

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Serien-Review
02/21/2020

"Hunters": Schrille Nazi-Jagd im Trash-Movie-Style

Spoilerfreier Serien-Review: Produzent Jordan Peele ("Get Out") schickt Al Pacino und Logan Lerman ("Percy Jackson") auf eine krasse Nazi-Jagd im Amerika der 70er-Jahre.

von Erwin Schotzger

Die "Hunters" sind eine bunte Truppe von Nazi-Jägern unter der Führung des reichen Juden und Holocaust-Überlebenden Meyer Offerman, gespielt von Al Pacino. Im New York des Jahres 1977 jagen sie Nazi-Kriegsverbrecher, die als unbescholtene US-Bürger in den USA leben. Doch die Nazis haben es sich nicht nur in Amerika bequem gemacht, sie hecken natürlich auch einen bösen Plan aus. Eine geheime Nazi-Organisation unter der Führung des mysteriösen "Colonel", der sich jedoch als Frau (Lena Olin) entpuppt, infiltriert Politik und Gesellschaft in den USA, erpresst US-Politiker, kommuniziert über kodierte Geheimnachrichten und hat überall ihre dreckigen Hände im Spiel. Aber die verschlagenen Nazis haben die Rechnung ohne Meyer Offerman und seine schräge Truppe von Nazi-Jägern gemacht!

Klingt nach B-Movie-Trash? Oder Quentin Tarantino? Weder das eine noch das andere ist von der Hand zu weisen. Der Vergleich mit Tarantinos "Inglorious Basterds" (2009) ist bei "Hunters" beinahe unvermeidlich. Schon der blutige Einstieg in die Serie könnte problemlos am Anfang eines Tarantino-Films stehen. Produzent ist jedoch Jordan Peele, bekannt für smarte Horrorfilme mit schockierenden Wendungen wie "Get Out" (2017) und "Wir" (2019).

Der naheliegende Gedanke an Tarantino ist eher auf die gleichen popkulturellen Inspirationen und Vorbilder zurückzuführen. Die popkulturellen und cineastischen Referenzen der neuen Amazon-Serie sind unübersehbar: Explizite Gewaltdarstellung, provokante Übertreibung, knallbuntes 70er-Jahre-Retro-Design, Trash Movies, Comic-hafte Charaktere, nerdige Dialoge. In your Face! Die B-Movie-Referenzen springen dem Zuschauer förmlich ins Gesicht. So sehr, dass der Begriff "Jewploitation" sich zwangsläufig aufdrängt  – in Anlehnung an die Blaxploitation-Filme der 70er-Jahre.

 

Aus Blaxploitation wird Jewploitation

"Hunters" ist aber anders als die Blaxploitation-Filme keineswegs billig produziert. Im Gegenteil: Die Production Values sind schon am hochwertigen Intro zu erkennen, aber auch am großartigen visuellen Design, das gekonnt Trash-Movie-Elemente reproduziert. Wenn hier etwas billig wirkt, dann ist es geplant. So legt die Serie wenig Wert auf Authentizität oder akkurate Darstellung der Geschichte. In Rückblicken werden fiktive Gräueltaten der gejagten Nazis in realen Konzentrationslagern gezeigt. Keine Fiktion kann schlimmer sein als der reale Holocaust. Explizite Gewaltdarstellung soll provozieren.

Die dilettantisch wirkenden Elemente sind wohl durchaus gewollt, um den B-Movie-Charakter zu unterstreichen: So hat sich die Twitter-Community in den USA vor allem über den jiddischen Akzent von Al Pacino lustig gemacht. Hierzulande wirkt hingegen das schlechte, mit US-Akzent gesprochene Deutsch der Nazis wenig authentisch, beinahe lächerlich. Allerdings nur in der Originalversion, in der deutschen Synchronfassung geht dieser Aspekt verloren.

 

Starke Figuren mit hochkarätiger Besetzung

Auch die Besetzung ist hochkarätig: Al Pacino spielt in seiner ersten großen Serienrolle Meyer Offerman. Der Holocaust-Überlebende ist Initiator und graue Eminenz der Nazi-Jäger. In – angeblich nicht sehr authentischem – Jiddisch lässt er Lebensweisheiten in Form von One-Liner vom Stapel, z.B.: "Hell is not so bad as the way to it!"

Seine Gegenspielerin auf der Seite der Nazi ist die großartige Lena Olin. Sie ist offenbar der eiskalte Mastermind hinter der Nazi-Verschwörung: "We are the good guys, we are trying to save the world", ist ihre Missionsbeschreibung. Wer es anders sieht, wird mit Taten überzeugt, die meistens nicht schön anzuschauen sind.

Klingende Namen finden sich auch bei den Darstellern der schrillen Nazi-Jäger, die aus einem bunten Superhelden-Comic oder Groschenroman entsprungen sein könnten:

Schwester Harriet (Kate Mulvany) ist eine katholische Nonne mit Spionage-Erfahrung beim britischen MI6. Sie ist die Einsatzleiterin der Truppe.

Der Vietnam-Veteran Joe Mizushima (Louis Ozawa) ist ein erfahrener Soldat und eine lebende Martial-Arts-Kampfmaschine.

Auch mit der Afro-Amerikanerin Roxy Jones (Tiffany Boone) ist nicht zu spaßen.

Der abgehalfterte Hollywood-Star Lonny Flash, gespielt von Josh Radnor ("How I Met Your Mother"), verlässt sich eher auf Schusswaffen und seinen vermeintlich unwiderstehlichen Charme bei Frauen.

Schließlich sind da noch Murray (Saul Rubinek) und Mindy Markowitz (Carol Kane), ein altes jüdisches Ehepaar, das für Dechiffrierung und sonstige technische Raffinessen zuständig ist.

Die eigentliche Hauptrolle spielt aber Logan Lerman, bekannt als "Percy Jackson". Er ist der 19-jährige Jonah Heidelbaum, der durch den Mord an seiner Großmutter in den Rachefeldzug von Meyer Offerman hineingezogen wird. Er ist der Frischling und Amateur in der Truppe. Allerdings hat Jonah die Gabe, komplexe Zusammenhänge zu erfassen und wird so zum eigentlichen Code-Knacker der Truppe. Kampftechnisch ist der Comic-Nerd allerdings ein Totalausfall.

 

Krasse, aber sehenswerte Geschichte

Kommen wir zur Story: Der 19-jährige Jonah arbeitet in einem Comic-Shop als Verkäufer und diskutiert mit seinen beiden Kumpels Arthur (Caleb Emery), der ebenfalls im Comic-Shop jobbt, und Sherman (Henry Hunter Hall) weltbewegende Themen wie das spezielle Verhältnis von Batman und Robin oder die Schurkenrolle von Darth Vader im gerade im Kino laufenden "Star Wars". Er lebt im Haus seiner Großmutter Ruth (Jeannie Berlin). Der Mord an seiner geliebten Großmutter reißt Jonah schockartig aus seiner wohlbehüteten Welt. Am Begräbnis trifft er auf Meyer Offerman (Pacino), der mit seiner Großmutter im Konzentrationslager Auschwitz war. Bald stellt sich heraus, dass die Großmutter seiner geheimen Organisation angehörte, die Nazi-Kriegsverbrecher aufspürt und gnadenlos killt. Mit dem Mord an ihr haben die Nazis zurückgeschlagen.

Neben den beiden Handlungssträngen aus Sicht der Jäger und Gejagten, kommt auch noch eine lesbische FBI-Agentin Millie Morris (Jerrika Hinton) ins Spiel. Als sie erkennt, dass es sich bei mehreren Mordfällen um ehemalige Nazis handelt, zählt sie eins und eins zusammen und steht bald vor der Tür von Offerman. Was sie nicht weiß, ist, dass sie selbst im Visier der Nazis ist. Travis (Greg Austin), ein junger soziopathischer Profikiller, folgt ihrer Spur.

"Hunters" ist auf jeden Fall nicht, was man auf den ersten Blick erwarten würde. Zunächst fallen natürlich der schrille Trash-Movie-Style und die explizite Gewaltdarstellung auf. Die Provokation im Sinne der Exploitation in "Jewploitation" ist natürlich gewollt. Einige krasse Szenen (z.B. die Ermordung und Folter der Nazis mit denselben Methoden, mit denen sie ihre Opfer getötet haben) lassen uns dennoch ratlos zurück. Natürlich stellt die Serie die Frage, ob der Zweck die Mittel rechtfertigt?

"Rache ist die beste Rache", sagt Offerman seinem Schützling Jonah. Zuvor hatte er es mit "Gut leben ist die beste Rache" versucht, war aber damit bei seinem nach Rache dürstenden Schützling auf taube Ohren gestoßen. Wie gesagt: Er hat für jede Lebenslage einen One-Liner parat. Schockierenden Rückblicke auf die Gewalttaten der Nazis in den Konzentrationslagern sollen den jüdischen Rachefeldzug rechtfertigen. Das ist ebenso starker Tobak wie die Stilisierung sämtlicher Nazis als abgrundtief böse Psychopathen, was man als eine Simplifizierung des Nationalsozialismus betrachten könnte. Im Genrekontext alter Pulp- und Trash-Geschichten der US-Popkultur während und nach dem Zweiten Weltkrieg passt es aber zum Stil der Serie.

Wir haben bisher nur fünf der insgesamt zehn Folgen von "Hunters" gesehen. Doch Serien-Produzent Jordan Peele ist ja für ebenso smarte wie schockierende Wendungen bekannt. Daher hoffen wir auf den jungen Helden Jonah, der sich einmal bei Millie Morris darüber beschwert, warum die guten Jungs – von Bruce Wayne über Frank Castle bis zu Peter Parker – immer vor der harten Entscheidung stehen müssen, das Richtige zu tun. Ihre Antwort: Müssen sie nicht. Sie sind die guten Jungs, weil sie sich für das Richtige entschieden haben!

Wir sind daher mehr als gespannt wie es mit Jonah und seinen Nazi-Jägern-Freunden weitergeht und werden uns auch die zweite Hälfte von "Hunters" nicht entgehen lassen.

 

Die zehn Episoden von "Hunters" sind ab heute bei Amazon Prime zu sehen.

 

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