© The Astronaut VIS 2019 Trailer (Anna Vasof)

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05/15/2019

VIENNA SHORTS: "Wir müssen das Kino als Kunstform stärken"

VIS-Mitbergründer Daniel Ebner spricht über die Liebe zum Kurzfilm und freut sich über den internationalen Erfolg des Festivals.

Von 28.Mai bis 2.Juni findet die 16. Ausgabe des Vienna Shorts Kurzfilmfestivals statt. Daniel Ebner war schon bei den ersten Schritten des inzwischen international hochanerkannten Festivals dabei. Wir haben mit ihm über die Herausforderungen für das Festival und die Ehrung durch die europäische Filmakademie gesprochen.

Kurzfilme sind für Filmemacher oft ein Sprungbrett zum Langfilm. Du leitest das VIS nun seit 16 Jahren. Was interessiert Dich so sehr an der kurzen Form, dass Du ihr so lange treu geblieben bist?

Die Neugier etwas zu sehen, was ich in der Form vielleicht vorher noch nie gesehen habe. Ich glaube es gibt so eine Grundneugier, die man mitbringen muss, wenn man sich auf Kurzfilme einlässt. Wenn ich für Langfilme ins Kino gehe, weiß ich sehr schnell, wie eine Grunddramaturgie funktioniert und wohin der Film sich entwickeln wird, hin und wieder wird man überrascht, aber diese Überraschungen, wie ich sie oft im kurzen Film  erlebe, sind sehr selten im regulären Kinobetrieb.

Hast Du in den Jahren Regeln oder Qualitätsmerkmale für Dich festlegen können, die einen guten Kurzfilm ausmachen?

Regeln wären, glaube ich, sehr schwierig, weil man sich selber in ein Korsett reinbegeben würde, das man gerade beim Kurzfilm versucht, nicht zu haben. Die Filme, die für mich am besten funktionieren, sind jene, die sowohl zu meinem Hirn als auch zu meinem Herz sprechen und damit so ein emotionales und intellektuelles Eintauchen ermöglichen, ohne dass es einem bewusst wird, sondern der Film in dem Moment einen in seiner Gesamtheit gefangen nimmt. Das ist natürlich etwas sehr Subjektives, weswegen ich es auch wichtig finde, dass ich nicht alleine derjenige bin, der die Entscheidungen trifft, sondern dass wir Programmteams haben. Ein Festival ist ja nicht dazu da, um seine eigenen Eitelkeiten und Bedürfnisse zu befriedigen, sondern muss auch letztendlich eine gewisse Qualität in der Breite bieten können, deshalb finde ich es auch wichtig, dass eine Diskussion und ein Austausch darüber stattfinden. Es ist schwer, Qualität an einem Punkt festzumachen. Interessant wird es für mich dann, wenn ein Film sehr bei sich selber ist und nicht versucht, ein Langfilm oder eine Visitenkarte für den Filmemacher  zu sein.

Euch werden Filme aus der ganzen Welt zugeschickt. Gibt es Themen und Erzählweisen, die sich nicht nur auf eine Region beschränken sondern global in Erscheinung treten?

Wir haben auch schon vor 15 Jahren Filme aus der ganzen Welt gekriegt, deutlich weniger als jetzt, aber damals haben wir gesehen, dass wir die Kinematografien der verschiedenen Länder und Kontinente viel deutlicher von einander unterscheiden konnten als heute. Man konnte eindeutig einen asiatischen von einem südamerikanischen Film unterscheiden, das verschwimmt inzwischen komplett.  Mittlerweile gibt es einen globalen Austausch in der ganzen Branche und auch unter den Filmschulen, weshalb die formalen Unterschiede viel marginaler sind und die Themen sehr viel ähnlicher werden. Wir haben wahnsinnig viele Filme rund um Trump und Rechtspopulismus gekriegt, das ist dieses Jahr definitiv eines der größten Themen gewesen. Das zieht sich durch verschiedene Länder, Kontinente und Erzählhaltungen.

Seit 2016 seid Ihr ein Oscar-Qualifying Festival, jetzt seid Ihr auch noch ein Partnerfestival der europäischen Filmakademie und könnt Kurzfilme für den europäischen Filmpreis ins Rennen schicken. Was bedeutet diese Auszeichnung für Euch und in wie fern wird sie Euren Arbeitsprozess beeinflussen?

Es freut uns sehr, weil es eine Anerkennung für unsere Arbeit ist. Wir haben uns in dem Fall, ähnlich schon wie bei den Oscars damals, nicht aktiv darum bemüht sondern es gab von der EFA (Europäische Filmakademie) das Interesse, ihr Prozedere leicht zu verändern und mit mehr Festivals zu kooperieren, um die Breite der europäischen Festivals besser wiederspiegeln zu können. Sie haben gesagt, dass wir für sie eines der wichtigsten Festivals in Europa für die kurze Form sind und natürlich freuen wir uns darüber. Was das Prozedere betrifft und die Arbeitsweise, ist es tatsächlich so, dass es um einiges anstrengender für uns wird, weil es, wie bei der Oscar-Qualifizierung, für eine Preisvergabe bedeutet, dass gewisse Kriterien erfüllt sein müssen.

Der Kurzfilm wird durch das Internet immer relevanter. Wie sehr spielt die Ökonomisierung des Kurzfilms durch Onlineportale für Euch bei der Erstellung Eures Programms eine Rolle?

Wir haben uns sehr viele Gedanken darüber gemacht. Unsere Latenight- und Midnight Movies sind mit sehr pointierten Arbeiten und Genrefilmen ohnehin eine Annäherung an das Online-Format. Ich finde es aber auch wichtig, dass wir als Festival das Kino als Kunstform versuchen zu stärken. Uns geht es vordergründig nicht um eine schnelle und einfache Konsumierbarkeit, um die es letztendlich geht, wenn wir über Online-Verwertung reden. Wir wollen dem Publikum eine Möglichkeit geben, in einen Film reinzukippen und fokussiert etwas zu schauen, das länger als fünf oder zehn Minuten ist, sondern auch 30 Minuten sein kann. Das heißt nicht, dass ich andere Formate deswegen schlecht finden muss, ganz und gar nicht. Wir haben heuer eine neue Kooperation mit Vimeo. Als Sponsor werden sie einen Vimeo Staffpick Award im Rahmen des Festivals vergeben.  Ein Wettbewerbsfilm kann 2500 $ und eine online Premiere auf Vimeo gewinnen, was tatsächlich ein riesen Sprungbrett vor allem in die amerikanische Branche sein kann.

Was sind die größten Herausforderungen für Kurzfilmfestivals?

Eine Herausforderung wird es sein, Kurzfilmfestivals näher an die Branche heranzuführen. Die großen Festivals haben alle begonnen, ihre eigenen Akademien einzuführen - vom Talent Campus in Berlin bis zur Locarno Academy, weil sie natürlich auch den Nachwuchs brauchen und einen eigenen Ankerpunkt dafür benötigen. Ich glaube, dass eine Anbindung zwischen den Kurzfilm- und den Langfilmfestivals immer wichtiger wird. Man muss diese Branche auch im Ganzen betrachten, da geht es auch um die Filmförderung und wie Kurz-, Mittellang- und Langfilme gefördert werden sollen. Die neue Besetzung des Filmbeirats des BKA ist ein großes und sehr heikles Thema, weil es tatsächlich ein Feld ist, das wahnsinnig sensibel ist und wenn man keine Leute hat, die professionell sind und wissen was sie tun, dann kann man da innerhalb kürzester Zeit wahnsinnig viel kaputt machen. Das ist eine wichtige Herausforderung, der wir auch als Festival begegnen müssen. Wir müssen entscheiden, welche Filme wir zeigen und wo wir uns in einer Branche auch verorten wollen.

Mit Lemonade Films ist ein neuer Kurzfilmvertrieb auf die Beine gestellt worden. Wie kam es dazu und was war die Idee dahinter?

Es ist aus der ehemaligen Vienna Shorts Agentur herausgegangen. Lemonade Films ist unabhängig organisiert, aber es gibt natürlich eine enge Verbindung dadurch, dass Programmerinnen vom Festival den Vertrieb aufgezogen haben. Letztendlich wird die Zusammenarbeit sehr ähnlich wie mit sixpackfilm sein. Wir sind froh, dass es eine Agentur für Festivalstrategien gibt, von denen wir wissen, dass wir bei ihren Einreichungen eine Basisqualität bekommen, genauso wie bei sixpackfilm, wobei Lemonade Films sich eher auf den narrativen Bereich fokussiert. Als Festival wollen wir uns in beiden Richtungen verorten. Wir sehen den experimentellen Film als ein wesentliches Spielfeld des Kurzfilms, aber genauso wichtig ist, dass es gute Vertriebsschienen und Verwertungsmöglichkeiten für narrative Formate gibt und da, finde ich, hat Lemonade Films eine sehr wichtige Lücke geschlossen.

Zum Schluss darfst Du einen Wunsch an die österreichische Filmlandschaft richten.

Die Frage ist ob dieser Wunsch an die FilmemacherInnen oder an die GeldgeberInnen gerichtet ist...

Das darfst Du Dir aussuchen!

Dann vielleicht an Beide. Einerseits, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass ich einen Film nicht nur für mich selber mache, sondern dass schon viel früher als es jetzt der Fall ist an eine Verwertung gedacht wird. Ich glaube, das würde helfen, viele Enttäuschungen zu vermeiden. Deswegen veranstalten wir dieses Jahr beim Festival einen Workshop mit Experten von New Europe Filmsales und Some Shorts, die verschiedenste Festivalstrategien im Auge haben. Es gibt auch bei den Fördergebern sehr wenig Bewusstsein dafür, dass die Verwertung ein wesentliches Feld ist und auch gefördert gehört. Wenn man produzierte Filme nicht ordentlich präsentieren kann, wird man es nicht schaffen, eine Branche zu stärken. Dann muss man sich auch nicht wundern, dass der österreichische Film einen Marktanteil von 2% hat. Ich muss dazusagen, dass es bei uns jedes Jahr die Frage ist, ob wir das Festival wieder machen können oder nicht, weil wir es uns in dieser Form eigentlich nicht leisten können, was wir hier tun. Das ist ein großer Wermutstropfen in dieser ganzen Situation. Wir erhalten international große Anerkennung, die sich aber auf  lokaler Ebene in keiner Weise wiederspiegelt.