Serien-Review

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Serien-Review
11/04/2019

"Watchmen": Superhelden am Puls der Zeit

Die Superhelden-Serie, die eine lose Fortsetzung der gleichnamigen Comic-Verfilmung ist, startet heute bei Sky in deutscher Sprache.

von Erwin Schotzger

Mit dem Kultcomic "Watchmen" hat sich der "Game of Thrones"-Sender HBO keine einfache Kost ausgesucht, um ins Superhelden-Genre einzusteigen. Aber der Zeitpunkt passt perfekt. Die humorigen Superhelden von Marvel dominieren das Kino seit Jahren und auch im Fernsehen wimmelt es inzwischen nur so von maskierten Helden mit übernatürlichen Fähigkeiten. Die Übersättigung mit strahlenden Heldenfiguren führt dazu, dass immer mehr Anti-Helden die Bühne betreten. "Watchmen" liegt daher voll im Trend der Dekonstruktion des Mythos vom maskierten Helden, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt.

 

Schluss mit dem Mythos vom strahlenden Superhelden

"Watchmen" ist keine Verfilmung des gleichnamigen Comics, sondern eine lose Fortsetzung des Films von Zack Snyder aus dem Jahr 2009. 34 Jahre nach einem Angriff durch ein tintenfischartiges Alien auf New York City, bei dem Millionen Menschen starben, lebt die Welt immer noch in Angst vor interdimensionalen Attacken. Leider hat der allmächtige Dr. Manhattan der Menschheit den Rücken gekehrt und lebt seit 1985 auf dem Mars. Der Kalte Krieg und ein drohender Nuklearkrieg der Supermächte gehören längst der Vergangenheit an.

Serien-Schöpfer und Showrunner Damon Lindelof inszeniert für HBO eine Superhelden-Serie ganz nach seinem Geschmack: Der Mann ist schließlich für verworrene Mystery-Serien wie "Lost" und "The Leftovers" bekannt. Ohne mysteriöse Verschwörung geht bei Lindelof gar nichts. "Watchmen" spielt daher in einer alternativen Gegenwart, die sich eher wie eine dystopische Zukunft anfühlt. So ist beispielsweise die Gentechnologie wesentlich besser entwickelt. Doch offensichtlich hat die ethische mit der technologischen Entwicklung nicht ganz mithalten können. Neben nahezu perfekten Klonen ist es auch möglich, fremde Erinnerungen in Form von Pillen zu implantiert.

 

Rassismus als große Bedrohung statt Atomkrieg

Maskierte Helden gelten nun als Verbrecher und werden von einer Spezialeinheit des FBI gejagt. Einige Maskierte arbeiten aber als Detectives für die Polizei. Auch einfache Polizisten vermummen ihr Gesicht. Grund dafür ist die "White Night" vor drei Jahren: Am Weihnachtsabend 2016 attackierte die rassistischen "White Supremacy"-Gruppierung "Siebente Kavallerie", deren Mitglieder sich wie der verstorbene Rorschach maskieren, in Tulsa, Oklahoma, Polizisten zuhause bei ihren Familien. Nur wenige überlebten den hinterhältigen Terroranschlag. Zu ihnen zählen Polizeichef Judd Crawford (Don Johnson) und Detective Angela Abar (Regina King).

Während Polizeichef Crawford als einziger Polizist in Oklahoma keine Maske trägt, hat Angela offiziell den Polizeidienst quittiert. Tatsächlich ist sie jedoch als die maskierte Ermittlerin Sister Night immer noch im Einsatz. Zwei weitere maskierte Police Detectives sind Looking Glass (Tim Blake Nelson) und Red Scare (Andrew Howard).

Der Großteil der Handlung spielt in Tulsa, Oklahoma. Die Stadt war im Jahr 1921 Schauplatz eines (realen) Massakers an der schwarzen Bevölkerung in Folge von Rassenunruhen, dem sogenannten "Black Wall Street Massacre".

Die HBO-Serie beginnt mit einem erneuten Anschlag der Siebenten Kavallerie. Im Zuge der Ermittlungen kommt auch Laurie Blake (Jean Smart) nach Tulsa. Sie ist die ehemalige Heldin Silk Spectre (aus dem Kinofilm) und nun eine knallharte FBI-Agentin. Sie misstraut Angela und liegt damit auch nicht ganz falsch, denn sie ist – wider Willen – persönlich in den Fall verstrickt.

Was folgt ist ein großartig inszeniertes, aber komplex erzähltes Mystery-Drama, bei dem – zumindest nach den von uns bisher gesehenen sechs (von neun) Episoden – schwer zu sagen ist, wer die Guten und wer die Bösen sind.

 

Verworrenes Mystery-Drama am Puls der Zeit

Lindelof wäre wohl nicht Lindelof, wenn er nicht eine kunstvoll auf mehreren Ebenen, aber ebenso undurchschaubar erzählte Mystery-Serie aus "Watchmen" gemacht hätte. Gekonnt ersetzt er den Atomkrieg durch eine viel relevantere Bedrohung, die als gesellschaftlicher Hintergrund für eine mysteriöse Verschwörung dient: Rassismus. Die USA werden vom liberalen Präsidenten Robert Redford regiert und der Oberste Gerichtshof ist von linksliberalen Richtern dominiert.

Wenn das nicht Science-Fiction am Puls der Zeit ist?

Das liberale Establishment ist in breiten, vor allem unterprivilegierten Teilen der Bevölkerung verhasst. Der Staat kann seine eigenen Polizeibeamten nicht mehr vor Übergriffen schützen, weshalb sie nun vermummt den Dienst versehen. Doch was ist der Unterschied zwischen einem maskierten Polizisten und Maskierten, die auf Verbrecherjagd gehen? Es gibt keinen, wie Laurie Blake einmal feststellt. Damit spiegelt Lindelof im Kampf der rassistischen Untergrundbewegung gegen das pseudo-liberale Establishment auch den brandaktuellen Überlebenskampf der liberalen Demokratie wider. Und Lindelof wäre wohl auch nicht Lindelof, wenn in "Watchmen" alles so wäre wie es zunächst erscheint.

Doch anders als bei der ebenfalls großartig erzählten Amazon-Serie "The Boys", die auch auf einer kultigen Comic-Vorlage basiert, verlangt "Watchmen" dem Zuseher einiges an Vorkenntnissen ab oder zumindest eine hohe Bereitschaft, sich diese fiktive Welt zu erschließen. Ebenso wie "The Boys" ist auch "Watchmen" hochkarätig besetzt und meisterhaft erzählt. Die Amazon-Serie geht jedoch wesentlich geradliniger, aber nicht weniger spannend vor. Aus unserer Sicht ist "The Boys" daher viel eher ein massentaugliches "Game of Thrones" im Superhelden-Genre als die neue HBO-Serie.

Ein Muss für Fans von Superhelden-Serien für Erwachsene ist "Watchmen" aber allemal!

 

"Watchmen" startet ab heute, 4. Oktober, in deutscher Sprache bei Sky Atlantic. Jeden Montag folgt eine neue Episode, die dann bei Sky X auf Abruf zur Verfügung steht.