Wuthering Heights: 6 wichtige Unterschiede zwischen Film + Roman
Szene aus "Wuthering Heights - Sturmhöhe"
Da beobachtet eine junge Frau durch eine Bodenritze, wie sich ein Knecht und eine Magd auf etwas ausgefallene Weise miteinander sexuell vergnügen und wenig später sieht man sie auf der Heide an einen großen Stein gelehnt sitzen, während ihre Hand unter dem eigenen Rock verschwunden ist. Solche befriedigenden Erlebnisse würde man eher nicht in einem Roman aus dem viktorianischen Zeitalter erwarten und tatsächlich kommen sie in Emily Brontës "Wuthering Heights" auch nicht vor. Regisseurin Emerald Fennell, die nach eigener Aussage von diesem Werk schon immer "besessen" war, hat sich einige Freiheiten bei der Umsetzung herausgenommen. Das ist nicht unbedingt schlecht, sondern ergibt im besten Fall eine schlüssige neue Lesart, doch wir wollen hier die 6 wichtigsten Unterschiede zwischen Film und Roman aufzeigen.
Cathys Familienverhältnisse
Catherines Vater, Mr. Earnshaw, bringt die ganze Geschichte erst in Gang, da er den verwahrlosten Jungen, den Cathy dann Heathcliff taufen wird, mit nach Hause nimmt und fortan wie ein Familienmitglied behandelt. Im Film begegnet uns dieser Mann als Wittwer, der dem Alkohol ergeben ist und sich entsprechend unberechenbar verhält - er benimmt sich wie ein Haustyrann, vor dem seine Kinder zu zittern haben und schreckt auch nicht vor schweren körperlichen Misshandlungen zurück. Außerdem treibt ihn die Spielsucht in den Ruin.
In Emily Brontës Roman ist er ein völlig anderer Charakter: Abgesehen davon, dass dort Mrs. Earnshaw noch am Leben ist, wirkt Cathys Vater zwar ein bisschen launisch oder exzentrisch, ist aber niemals gewalttätig, sondern freundlich und umgänglich. Als Trinker und Spieler tritt dort hingegen Catherines Bruder Hindley in Erscheinung, der im Film weggefallen ist. Dadurch soll wohl das Zusammenleben von Cathy und Heathcliff ungestörter verlaufen und eine noch engere Bindung zwischen den beiden entstehen können.
Szene aus "Wuthering Heights - Sturmhöhe"
Nelly als heimliche Hauptfigur
Im Roman erfahren wir über Nelly, Cathys Dienerin und Vertraute, nicht sehr viel. Der Film klärt uns aber sehr rasch darüber auf, dass sie die uneheliche Tochter eines Adeligen ist und nun sichtlich durch ihre Zurücksetzung in der dienenden Stellung leidet. Außerdem wird bald deutlich, dass sie selbst in Catherine verliebt ist und deren Nähe zu Heathcliff schlecht verkraftet. Daher legt sie immer wieder ein fragwürdiges Verhalten an den Tag und hintergeht Cathy mehrfach, um die Trennung von Heathcliffe zu bewirken. Dieses Bemühen, die Verbindung zwischen den beiden zu hintertreiben, steigert sich bis zu tragischen Konsequenzen, die Catherine schließlich das Leben kosten werden.
Fennells Interpretation dieser Figur ist nicht abwegig, denn im Roman erscheint Nelly auch eher als zwiespältige Person, aber ihre Handlungen werden dort insofern kaschiert, da sie selbst über weite Strecken als Erzählerin der Geschichte auftritt. So gelingt es ihr natürlich, die Ereignisse zu ihren Gunsten auszulegen. Ein zweiter Erzähler namens Lockwood, der im Roman eine entscheidende Rolle spielt, kommt im Film hingegen überhaupt nicht vor.
Isabellas Schicksal
Catherines Cousine Isabella verliebt sich auch hier erwartungsgemäß in Heathcliff und er nimmt sie tatsächlich zur Frau, obwohl er ihr von vornherein mitteilt, dass er sie nicht ausstehen kann und sie leiden lassen wird. Im Roman geht das nicht sehr lange gut: In einem erschütternden Brief berichtet sie davon, was sie von Heathcliff alles erdulden musste und nutzt die erste Gelegenheit, die Flucht zu ergreifen. Weit entfernt bringt sie Heathcliffs Kind zur Welt und zieht diesen Sohn das folgende Jahrzehnt hindurch bis zu ihrem Tod allein auf.
Im Film nimmt alles eine für Emily Brontë wohl undenkbare Wendung: Zwar wird der erwähnte Brief auch hier geschrieben, doch wir erfahren, dass das im Auftrag von Heathcliff geschehen ist, denn ihn und Isabella verbindet eine sadomasochistische Beziehung. Isabella lässt sich erniedrigen und zum Hündchen machen – eine Situation, die sie zu genießen scheint. Erst nach Cathys Tod sehen wir, dass sie von Nelly in eine Kutsche verfrachtet und aus Heatcliffs Fängen gerettet wird.
Heathcliff selbst erscheint hier übrigens als Analphabet, was er im Roman keineswegs ist. Dadurch verschmelzen erneut zwei Figuren miteinander, denn bei Brontë ist es Hareton, der Sohn von Cathys Bruder, der beinahe bis zum Romanende weder lesen noch schreiben kann, weil er vom rachsüchtigen Heathcliff in völliger Unwissenheit fast wie ein Tier als Knecht gehalten wird.
Nebenfigur Joseph völlig verändert
Die Figur des Knechts Joseph wird im Film komplett anders dargestellt. Während er im Buch ein griesgrämiger alter Frömmler ist, der alle in seiner Umgebung mit Bibelsprüchen nervt und überall Unzucht wittert, tritt er uns im Film als junger Mann entgegen, der keineswegs vor fleischlichen Genüssen zurückschreckt, sondern sich im Stall mit einer Magd bei hingebungsvollen Sexspielen vergnügt, aber ansonsten keine wesentliche Rolle spielt. Das ist zwar kein wichtiges Detail, wirkt aber doch ziemlich unterhaltsam, wenn man den ins exakte Gegenteil verwandelten Charakter dieser Figur berücksichtig.
Szene aus "Wuthering Heights - Sturmhöhe"
Cathys Schicksal
Im Roman bleibt Cathy eine wirkliche Liebesbeziehung mit Heathcliff verwehrt, im Film dürfen die beiden jedoch ihre Leidenschaft immerhin eine kurze Zeit über voll ausleben. Dass sie von ihrem Ehemann Edgar Linton schwanger ist, entspricht auch der literarischen Vorlage, doch in der Verfilmung wird sie dieses Kind nie zur Welt bringen, da es bereits im Mutterleib stirbt und dadurch eine Sepsis bewirkt, deren Folgen Cathy das Leben kosten. Bei Brontë überlebt Cathy die Geburt ihres Kindes nicht, aber diese Tochter, die dann ebenfalls den Namen Catherine erhält, wird zur neuen Hauptfigur in der zweiten Romanhälfte. Dort erfahren wir die Schicksale einer zweiten Generation, in der sich einige tragische Ereignisse ganz ähnlich wiederholen, doch schließlich alles ein versöhnliches Ende findet.
Szene aus "Wuthering Heights - Sturmhöhe"
Heathcliffs Schicksal
Heathcliff kann bei Brontë seine grausame Bosheit auch nach Catherines Tod weiterhin ausleben und unter den Nachkommen der Familien Earnshaw und Linton Unfrieden stiften, doch dann wird er sozusagen von Cathys rächendem Geist heimgesucht und stirbt unerwartet in relativ jungen Jahren. Im Film sehen wir ihn zuletzt in Tränen aufgelöst über den Leichnam seiner geliebten Cathy gebeugt - sein weiteres Schicksal bleibt ungewiss. Fennell hat ihn aber nicht als den komplett verbitterten Tyrannen gezeichnet, der uns im Buch entgegentritt.
"Wuthering Heights – Sturmhöhe" ist derzeit in unseren Kinos zu sehen. Hier geht's zu den Spielzeiten!