Saute ma ville

 B 1968
Avantgarde, Kurzfilm 13 min.
6.20
film.at poster

Unsinn oder übersteigerter Sinn? Jugendliche Selbstbestätigung? Revolte gegen die weibliche Befindlichkeit? Eine Metapher für den Mai 68?

Ihr erstes Prachtexemplar von verwegenem Film, Saute ma ville drehte sie, gerade 18 Jahre alt, auf 35 mm, ohne Geld oder Unterstützung durch irgendwelche Institutionen. «Eines Tages wollte ich einen Film über mich selbst machen. Das war Saute ma ville. Ich brauchte eine Kamera, Film, Licht und jemanden, der die Kamera bediente. Ich fragte einen Bekannten, ob er mir dabei helfen würde, und jemand anderes hat mir die Kamera geliehen. Wir kauften ein bisschen Filmmaterial und drehten den Film in einer Nacht. Und dann habe ich ihn geschnitten.» Akerman ging einige Monate auf eine Filmhochschule (INSAS) in Brüssel, die sie abbrach, weil ihr nicht erlaubt wurde, unmittelbar mit dem Filmemachen loszulegen. Aber selbst als sie Saute ma ville vollendet hatte, wollte niemand in ihrer Umgebung daran glauben, dass sie eine Filmemacherin sei. Ihr Gefühl von Einsamkeit und Ungewissheit war so groß, dass sie von zu Hause weg und nach Paris ging, wo sie zwei Jahre blieb. Sie wollte mit Film arbeiten, wusste aber nicht, wie. Akerman beschreibt Saute ma ville folgendermaßen: «Sie sehen ein junges Mädchen, 18 Jahre alt, in eine Küche gehen und die üblichen Dinge tun, aber auf völlig abgedrehte Weise, und schließlich begeht sie Selbstmord. Das Gegenteil von Jeanne Dielman: Jeanne - das war Resignation. Hier ist es Raserei und Tod.» Das Mädchen wird von Akerman gespielt. Der Film ist entwickelt aus einer Folge alltäglicher häuslicher Arbeiten, Witz und Grauen entstehen, weil die Ausführung dieser Arbeiten außer Kontrolle gerät. Das Mädchen «singt» (la-la-la-la) mit der entnervenden Beharrlichkeit eines unruhigen Kindes, das um Aufmerksamkeit eifert. Jede Gebärde wirkt wie etwas, dass sich außen zeigt, weil innen etwas kaputt gegangen ist, zum Beispiel ihr verstörender Tanz mit ihrem Spiegelbild. Die aus dem Ruder laufenden Handlungen des Mädchens sind das verzweifelte Vorspiel zum Selbstmord. Die Explosion, die nicht nur «ihre Stadt» wegfegt, sondern zunächst einmal sie selbst, wird gezündet, wenn sie einen Brief (den wir nicht lesen können) über dem voll aufgedrehten Gas des Herdes in Brand steckt. Ein von dieser Szene übernommenes Stück illustrierenden Tones eröffnet Jeanne Dielman: Ehe die Namen im Vorspann erscheinen, ist das fauchende Geräusch austretenden Gases zu hören, ein Geräusch, das sich jedes Mal wiederholt, wenn Jeanne den Herd anzündet. Saute ma ville lag zwei Jahre lang im Labor, weil Akerman kein Geld hatte, ihn auszulösen, und weil sie sich so unsicher über seinen Wert war. Als der Laborleiter sie schließlich aufforderte, ihn abzuholen, bat sie ihn, sich den Film anzusehen und ihr seine Meinung dazu zu sagen. Der Film gefiel ihm nicht nur, er vermittelte auch einen Kontakt zum belgischen Fernsehen, was Akerman zu Eric de Kuyper führte, der Saute ma ville in seiner Sendereihe «Alternative Cinema» ausstrahlen ließ. Am nächsten Tag hörte sie im Radio eine glänzende Besprechung von André Delvaux, Belgiens bekanntestem Filmemacher. Über Nacht wurde sie «eine Filmemacherin», nicht zuletzt in ihren eigenen Augen. Janet Bergstrom «Sight and Sound», November 1999

(Text: Viennale 2011)

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Chantal Akerman
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