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Stars
12/01/2021

Lars Eidinger über "Faking Hitler", Fake News und Schauspielkunst

"Faking Hitler" beleuchtet den Skandal rund um die gefälschten Hitler-Tagebücher, denen der "Stern" in den 80er-Jahren zum Opfer fiel.

Der "Stern" wurde in den 80er-Jahren von einem Skandal erschüttert: Journalist Gerd Heidemann erwarb angebliche Tagebücher Adolf Hitlers und veröffentlichte diese in einem groß angelegten Report. Im Nachhinein stellten sich diese allerdings als Fälschung heraus und die Glaubwürdigkeit des Magazins und dessen MitarbeiterInnen litt gewaltig. 

Auf RTL+ wird diese Geschichte mit deutschen Stars wie Lars Eidinger und Moritz Bleibtreu nacherzählt und neu aufgerollt, wie der Trailer zur Serie "Faking Hitler" zeigt.

Die sechsteilige Serie "Faking Hitler" ist eine fiktionalisierte Verfilmung der Geschehnisse rund um die Hitler-Tagebücher. In den Hauptrollen sind Lars Eidinger (Gerd Heidemann) und Moritz Bleibtreu (Konrad Kujau) sowie Sinje Irslinger, Hans-Jochen Wagner, Daniel Donskoy, Ulrich Tukur und Jeanette Hain zu sehen.

Im Presse-Interview mit RTL sprach Heidemann-Darsteller Eidinger über die Herausforderung, eine wahre Geschichte zu verfilmen, wie er an seinen Darstellungen arbeitet und inwiefern die Fälschungen auch heute noch relevant sind.

RTL: Was hat Sie persönlich an dem Stoff zu "Faking Hitler" gereizt?

Lars Eidinger: Ich glaube tatsächlich, das war die Person Gerd Heidemann. Tommy Wosch (Produzent, Anmerkung) ist auf mich zugekommen mit der Idee und hat mir die sechs Bücher gegeben. (...) Gerd Heidemann hat mich fasziniert, als der Journalist, der die gefakten Tagebücher gekauft und dann an den "Stern" weiterverkauft hat.

Was konkret ist die Herausforderung, wenn man eine wahre Geschichte fiktional erzählt? Geht man damit anders um?  

Eigentlich nicht, würde ich sagen. Aber es ist trotzdem immer so, dass man sich am Anfang in der Verantwortung sieht, dem gerecht zu werden. Ich versuche mich dann aber davon wieder freizumachen. Es bringt nichts, da rundherum wahnsinnig viel zu recherchieren, das Drehbuch verrät alles, was ich brauche.

Es gab sogar die Idee, dass ich Gerd Heidemann persönlich treffe. Am Tag des Treffens war es dann so, dass ich positiv auf Corona getestet wurde, der Test hat sich dann als falsch erwiesen, aber das Treffen war nicht möglich, weil ich in Quarantäne war. Tommy Wosch war in ganz engem Kontakt mit Gerd Heidemann und hat mir viel von ihm erzählt und von dem Eindruck, den er von ihm hat.

Ich kann niemanden nachspielen und ich kann niemandem gerecht werden. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn Gerd Heidemann, der lebt ja noch, das dann anschaut und sich denkt: "Genau so war's, der spielt mich genau so, wie ich bin." Ist ja klar, dass man sich in dem Moment, wo man sagt: "Wir spielen das nach", in einen relativ freien, fiktiven Raum begibt. Darauf vertraue ich auch, dass es letztendlich eine Interpretation ist, wie bei jeder anderen Figur auch, die ich spiele.

Die Freiheit will ich mir als Künstler nehmen, gewisse Entscheidungen selbst zu treffen und mich nicht sklavisch an die historische Vorgabe halten zu müssen – weil ich es vielleicht auch gar nicht kann, und weil ich glaube, dass die Fiktion keine Grenzen hat und viel offener ist als die Realität.

Diese Figur bietet wahnsinnig viel Raum, das war das, was mich daran gereizt hat. Gerd Heidemann galt als einer der größten Journalisten seiner Generation. Der hat in den höchsten Kreisen verkehrt und war trotzdem jemand, der Nazi-Devotionalien gesammelt hat. Deshalb ist er über die Tagebücher gestolpert, weil er sich mit Leuten umgeben hat, die mit diesen Nazi-Devotionalien gehandelt haben. Das finde ich schon hochgradig fragwürdig und das macht ihn zu einer schillernden Persönlichkeit. Schillernd in dem Sinne, dass er nicht greifbar ist, er hat etwas Flimmerndes an sich. Das alles ist relativ komplex und vielschichtig.

Es war also nicht Ihr Ziel, Gerd Heidemann 1:1 darzustellen?

Nein, das kann ich auch gar nicht, das kann keiner. Ich bin ja Schauspieler und kein Imitator. Das ist eine Interpretation, die sich an gewissen historischen Ereignissen orientiert. Ich arbeite so: Ich kenne seine Stimme über einen Podcast, er hat eine gewisse Tonalität, die zitiere ich manchmal an, aber ich kann weder seine Stimme, noch seinen Dialekt nachmachen. Ich hätte das Gefühl, sowas schränkt mich eher ein und das bringt auch nichts.

Ich sehe meinen Beruf generell so, dass die Qualität darin besteht, dass man jemanden sieht, der jemanden spielt. Das versuche ich auch nicht zu verheimlichen. Ich bin nicht Gerd Heidemann. Ich kann Gerd Heidemann spielen. Das macht's eigentlich nur reicher, weil man eine Persönlichkeit sieht, die unabhängig ist, die sich an einer anderen Persönlichkeit abarbeitet. Das finde ich als Vorgang viel interessanter.

Viele Menschen empfinden Sie als sehr "extremen" Schauspieler. Empfinden Sie das genauso?  

Ich  empfinde mich nicht als extrem und ich würde behaupten, meine Freunde beschreiben mich auch nicht als extrem. Das ist eine gewisse Außenwahrnehmung.

Man kann ja auch nicht von meinen Darstellungen auf meine Persönlichkeit schließen, das eine hat mit dem anderen ganz wenig zu tun. Wenn ich Gerd Heidemann spiele, dann versuche ich, dem zu entsprechen. Das heißt, ich versuche, den als Persönlichkeit nachvollziehbar zu machen, und ich versuche, mir und dem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich mit dieser Figur zu identifizieren. Ich versuche aber nicht, ihn zu bewerten. Das steht mir nicht zu und das würde die Darstellung schwächen.

(...) Ich versuche, nachvollziehbar zu machen, warum der gewisse Entscheidungen trifft, und aus der Logik der Figur zu handeln. Wie ich den jetzt finde, das finde ich zweitranging. Natürlich ist das ein Mensch, der extrem polarisiert. Trotzdem besteht die Lust darin, das macht meine Darstellung dann in gewisser Weise vielleicht extrem, weil ich mich diesen Figuren öffne und ich sage, ich will diesen Charakteren aufrichtig gegenüber treten. 

Was war das damals für ein Verhältnis zwischen Konrad Kujau und Gerd Heidemann? War das eine Männerfreundschaft?

Da kann ich nur von dem erzählen, was von den beiden überliefert wird. Kolportiert wird eigentlich, dass Gerd Heidemann auf den Kujau reingefallen ist und dass er das schon als freundschaftliche Beziehung begriffen hat. Kujau hat das als rein professionelle Beziehung gesehen und den anderen hintergangen, das würde man mit einem Freund nicht machen, glaube ich.

Das Interessante ist, dass das nicht so begreifbar ist. Es gibt ja auch Theorien, dass Heidemann in jedem Moment wusste, dass es sich um Fälschungen handelt, mit Kujau unter einer Decke gesteckt hat und den "Stern" übers Ohr gehauen hat. Auch dass er hohe Geldsummen unterschlagen hat. Dafür ist er dann auch ins Gefängnis gekommen, der musste eine Strafe verbüßen.

Ich würde sagen, aus Erkenntnis des Podcasts ("hh", Anmerkung) erscheint es mir nicht so, dass Gerd Heidemann mit Konrad Kujau unter einer Decke steckt, sondern da scheint es schon so, dass der eine auf den anderen reinfällt. Trotzdem ist es interessant: Inwieweit glaubt er tatsächlich daran, dass es sich um echte Hitler-Tagebücher handelt, oder inwieweit wünscht er sich das? Vielleicht wünscht er sich das so sehr, dass er seine eigenen Bedenken ignoriert.

Glauben Sie, ein solcher Skandal wär auch heute noch denkbar?  

Ja, natürlich. Es fallen immer so Begriffe wie Fake News, das finde ich hat aber überhaupt nichts miteinander zu tun. Fake News ist eine fingierte, bewusst gesetzte Falschnachricht, um Menschen zu manipulieren. Hier ging es darum, dass jemand etwas gefälscht hat, um daraus Profit zu schlagen. Das ist etwas anderes.

Ich glaube, dass das in der Natur der Sache liegt. Ich glaube gar nicht, dass immer zwingend eine böse Absicht dahinter stecken muss. Wenn man einen Autounfall sieht und man befragt dazu zehn Zeugen, werden die alle einen anderen Tathergang beschreiben. Einfach weil sie das anders wahrnehmen. Wenn man das jetzt auf Geschichtserzählungen überträgt, dann zweifelt man an gewissen Ereignissen.

Die werden einem immer so dokumentarisch verkauft oder als wäre das historisch belegt. Aber das ist ja ganz schwer, das wird von allen Menschen unterschiedlich wahrgenommen. Alleine die Tatsache, dass die menschliche Geschichte vor allem von Männern erzählt wird: Wenn man sich die gleiche Geschichte von Frauen erzählen lassen würde, würde sie sich ganz anders darstellen. Das sind Sachen, worüber ich nachdenke, und wo ich das Gefühl habe, dass man vielen Irrtümern, wenn nicht Lügen, unterliegt, auf denen unsere Geschichtserzählung basiert.

Die Serie "Faking Hitler" ist auf RTL+, früher TVnow, zum Streamen verfügbar.