Stoff-Wechsel: Was ist 'Wirklichkeit im Dokumentarfilm?

 
Dokumentation 
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Der britische Filmemacher John Grierson formulierte Ende der 1920er Jahre eine noch heute gültige Definition des Dokumentarfilms: "Dokumentarfilm ist gestaltete Wirklichkeit." Damit setzte sich der "poetische" Dokumentarfilm vom reinen "Aktualitätenfilm" und der Wochenschau ab, jenem sich naiv als naturgetreue Wiedergabe der Welt und ihrer Ereignisse gebende "Kino der Wirklichkeit", das von
1909 an die Leinwände dominierte.

Der dokumentarische Film verwandelt hingegen bewusst die vorgefundene Wirklichkeit auf zweierlei Art: er verkettet die vom mechanischen Auge der Kamera automatisch aufgezeichnete/n Ausschnitte der Wirklichkeit in der filmischen Montage zu einem neuen Bild der Realität. Die scheinbar
zufälligen Alltäglichkeiten werden mit Bedeutungen erfüllt, die ein gemeinsames Schicksal, aber auch Konflikte und Defizite wahrnehmen lassen. Zuletzt, in der Rezeptionssituation vor dem Publikum wandelt sich diese "vermittelte Realität" erneut: vorfilmische Wirklichkeit - poetische Wirklichkeit - Wirklichkeit der Kinoerfahrung.

Die Veranstaltung stellt historische und gegenwärtige Konzepte dokumentarischen Arbeitens vor - von den ersten dokumentarischen Aufnahmen der Geschichte über die Gattung der Aktualität, die sowjetische und britische Schule der 1920er Jahre zum "Erfahrungsbruch" des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, sowie der Neuerfindung des dokumentarischen Films im Direct Cinema der 1960er, im anthropologischen Film und dem experimentellen Kino.

In vier je drei- bis vierstündigen Lectures soll die grundlegende Fragestellung "Was ist 'wirklich' im Dokumentarfilm?" anhand von Filmausschnitten beispielhaft vorgestellt und in der Gruppe diskutiert werden. Gezeigt, kommentiert und diskutiert werden u.a. Filme von Dziga Vertov, Robert Flaherty, Alfred Hitchcock, Laszlo Moholy-Nagy, Walter Ruttmann, Robert Gardner, Rithy Panh und Nikolaus Geyerhalter, aber auch von YouTube und aus dem Fernsehbereich.

Die geplanten Programm-Einheiten im Wintersemester:
1. Der "naive Blick" des Films und die Debatte um die Wirklichkeit.
2. Die sowjetische Schule der Montage und ihre Folgen.
3. Traumatische Bilder: Der 2. Weltkrieg und die "Entzauberung" des
Dokumentarischen.
4. "Neue Wellen" und Grenzüberschreitungen: Direct Cinema und die "geborgten" Bilder des Avantgardefilms.

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