The Other Side (2006)

 USA 2006
Dokumentation 43 min.
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Das Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA ist ein oft verdammter Ort, an dem sich menschliche Entwürdigung mit namenlosen Schicksalen in die Erde einbrennt. Erst seit rund 150 Jahren sind die kargen Wüsten von New Mexico und Arizona US-amerikanisches Staatsgebiet, annektiert nach einem Territorialkrieg 1845-47. In einer zynischen Maßnahme zur Regulierung der illegalen Einwanderung aus Mexiko werden Flüchtlingsströme gezielt in die Wüste kanalisiert, wo jährlich Hunderte verdursten und für immer verschwinden. In The Other Side spürt Bill Brown dem Geist dieser Grenzlandschaft nach und findet verstreute Spuren von Menschen in Form von ausgetretenen Schuhen und leeren Wasserkanistern - Reste von ungewissen Schicksalen, die in ihrer Gegenständlichkeit seltsam berühren. Fasziniert von ihren mystischen Lichtspielen erschafft Brown dabei die Wüste in ihrer Schönheit wie Bedrohung, während sich auf der Tonspur seine Beziehung zur Landschaft mit Erzählungen von Emigranten und Hilfsorganisatoren verbindet. Diese kommen nie ins Bild, bleiben Echos aus den kleinen Städten, in denen sich geisterhafte Protestmärsche formieren, und hallen von der hohen, rostfarbenen Wand entlang der Grenze. «Wer eine Mauer baut, gibt zu, wo seine Macht endet und ihm die Ideen ausgingen», reflektiert Brown, der The Other Side als «Meditation entlang der Grenze USA-Mexiko zu Zeiten der homeland insecurity» beschreibt. Wie schon in seinen Kurzfilmen folgt Brown seiner Überzeugung, dass Grenz- und Übergangslandschaften Territorien für besonders markante, oft rassistisch motivierte Machtdemonstrationen sind, und formt daraus seine Erzählungen wie Fabeln oder Geistergeschichten. Mit nichts beschwert dieser Zugang die filmische Erzählung, sondern hebt sie im Gegenteil weit über einen konventionellen Dokumentarfilm hinaus. Das Nicht-Sichtbare wandelt sich in eine tragende Atmosphäre, das Unsagbare erhält Bilder, um in der Gesamtkomposition aus Fakten, Reflexionen und Bild-Ton-Montage eine gespenstische und komplexe Welt wiederzugeben. Ein Filmgedicht, das, wie Brecht es von der Kunst gefordert hat, mit dem Wert eines Dokumentes versehen ist. (Verena Teissl)

(Text: Viennale 2006)

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Bill Brown
Bill Brown, Kent Lambert
Bill Brown
Bill Brown

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