Filmkritik: "Cats"

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Filmkritik
12/20/2019

„Cats“: Optischer Katzenjammer trotz Starbesetzung

Andrew Lloyd Webbers Erfolgsmusical hat den Katzensprung auf die Leinwand gewagt – mit einem hochkarätigen Cast und einem leider viel zu tiefen Griff in die CGI-Kiste.

von Amina Beganovic

Mit Musical-Verfilmungen ist es so eine Sache – es gibt die Begeisterung oder die totale Ablehnung, eine gemäßigte Mitte findet sich bei den Meinungen dazu nur selten. Bei "Cats" standen die Zeichen jedoch von Anfang an auf völlige Katastrophe. Schon bei der Veröffentlichung des ersten Trailers schlug die Online-Community die Hände über dem Kopf zusammen: Die am Computer zu Katzenmenschen verwandelten Schauspieler sorgten sogar für noch mehr Spott und Häme als es der erste Clip zu "Sonic The Hedgehog". Singende und tanzende Menschenkatzen, die mittels CGI-Technologie künstliches Fell, Ohren und Schwänze verpasst bekommen? Das ist ein Anblick, den es so noch nicht gegeben hat – und den man erst einmal verdauen muss.

 

Cats

Überarbeitung nach Fan-Protest

Nach dem weltweiten Online-Aufschrei legte Regisseur Tom Hooper (The King’s Speech“) vor Start des Films nochmals Hand an und entschärfte den CGI-Grad etwas. Auch die als zu sexy anmutenden körperlichen Proportionen wurden nochmals einen Grad "geschlechtsloser". Und ja, nach ersten Schreckminuten gewöhnt man sich sogar irgendwie an die menschlichen Körper und Gesichter mit ihrem katzenartigen Aussehen. Es mangelte auch nicht an Aufwand, um die felinen Wesenszüge portraitieren zu können – wurden die Darsteller doch alle in eine "Cat School" geschickt, wo sie mit eigenen Coaches am Set wochenlanges „Katzen-Training“ absolvieren mussten.

Hooper trommelte für seine Produktion einen unglaublichen Cast zusammen: Stars wie Jennifer Hudson, Ian McKellen, Idris Elba, Judi Dench, James Corden, Jason Derulo und Rebel Wilson sind mit dabei. In ihrem Filmdebüt als Jungkatze Victoria ist die 27-jährige Ballerina Francesca Hayward zu sehen, Solotänzerin des Royal Opera Ballet in Covent Garden. Auch die berühmteste Crazy Cat-Lady der Popwelt schafft es endlich auf die Leinwand: Taylor Swift ist Katzendame Bombalurina – eine Rolle, die der US-Sängerin praktisch auf den Leib geschrieben wurde. Auch komponierte sie mit Andrew Lloyd Webber persönlich den einzigen neuen Song, die Ballade "Beautiful Ghosts", die für einen Golden Globe nominiert wurde. Was wohl einer der wenigen Erfolge des Films bleiben wird.

Tanzen am "Jellicle Ball"

In punkto Handlung macht der Film nicht allzu viel her, ähnlich wie die Musical-Vorlage. Die weiße Katze Victoria (Hayward) wird von ihren Besitzern auf einer Müllhalde ausgesetzt und sogleich in den Kreis der dort lebenden Straßenkatzen aufgenommen. Diese versammeln sich im überdimensionalen, knallbunten London, um den alljährlich "Jellicle Ball" zu feiern, an dessen Ende eine Katze von der weisen Old Deuteronomy (Judi Dench) erwählt wird, um in ein neues Leben wiedergeboren zu werden.

Aus Victorias Sicht lernen die Zuseher nach und nach die Hauptprotagonisten kennen, mit all ihren exzentrischen Eigenheiten – auch die ganz Überdrehten, wie eine Rebel Wilson als Jennyanydots, die mit einer Horde Kakerlaken tanzt, nur um sie zwischendurch genüsslich zu verspeisen (Igitt!). Alles könnte so sorglos und aufgedreht-fröhlich sein, wenn nicht Bösewicht-Kater Macavity (Idris Elba) wäre, der die anderen Jellicle-Kandidaten auszuschalten versucht, um selbst als Auserwählter hervorzugehen. Und da ist natürlich noch die traurige Katzendame Grizabella (eine dauerschluchzende Jennifer Hudson), der einstige Star unter den Samtpfoten, die aber den Clan verlassen hat und seitdem wie eine Ausgestoßene behandelt wird. Sie singt auch die Ballade „Memory“, das wohl berühmteste Lied des Musicals - und drückt dabei stark auf die Tränendrüsen, besonders auf die eigenen.

Cats

Langer Atem für die zweite Hälfe

Die erste Hälfte des Films reißt noch irgendwie mit: Man taucht in die bizarre Welt der Katzen ein, die sich von Song zu Song bewegen (echte Dialoge? Nein, nicht wirklich). Die Choreographien sind das einzig Erträgliche an dem Film – doch auch hier wäre weniger CGI mehr gewesen. Die Bewegungen fließen zwar, wirken aber immer wieder zu künstlich. Erholen muss man sich außerdem vom Anblick einer Dame Judi Dench als Perserkatze mit Schnurrhaaren und Löwenmähne. Aber sie wäre nicht Judi Dench, wenn sie nicht auch diese Rolle irgendwie meistern würde. Was man von Kollegen Ian McKellen leider nicht sagen kann: Bei seinem Auftritt als Theaterkater Gus wirkt der fauchende und aus einem Wassernapf schlabbernde McKellen so, als wüsste er selbst nicht so ganz, was er bei allen guten Katzengeistern hier zu suchen hat.

Für die zweite Hälfte des Films braucht es echtes Durchhaltevermögen, denn der Jellicle Ball hat vielzu lange Momente. Es passiert nicht viel, dafür wird umso mehr gesungen, insbesondere beim Auftritt des Zauberkaters Mr. Mistoffelees oder bei Grizabellas leidvollem, überemotionalem Finale. Selbst eingefleischte Musical-Fans werden nach all dem Katzen-Pathos am Ende tief durchatmen müssen.

Technik ist nicht gleich Ästhetik

Dass die Leinwand-Katzen tatsächlich noch auf ihren Pfoten landen werden, ist schwer zu bezweifeln. Wobei "Cats" nebst all seinen Schwächen und Absurditäten ein paar helle Momente hat. Sollte man es wagen, sich auf den Film einzulassen, kann man zumindest die gesangliche und tänzerische Leistung der Darsteller als solide absegnen – insbesondere Ballerina Hayward trägt ihre Rolle mit so etwas wie Ausdruck (soweit dieser bei so viel CGI möglich ist) durch den Film, selbst wenn sie stimmlich mit Stars wie Jennifer Hudson oder Jason Derulo nur passabel mithält.

Am Ende fragt man sich aber trotzdem, ob etwas weniger Katzenjammer herausgekommen wäre, wenn Tom Hooper und sein Team den Mut gehabt hätten, bei einem Musical auch im Kino mehr auf Gesang, Tanz und Kostüme zu setzen statt auf neueste Technologien, die eben kein Garant für Ästhetik sind.

1 1/2 von 5 Katzenzungen!

 

 

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