„Die Odyssee“-Filmkritik: Nolan weckt den Mythos auf
Szene aus "Die Odyssee" von Nolan
Hallo, Muse, hörst du mich? Jetzt könnte ich deine Hilfe gebrauchen, so, wie du einst Homer geholfen hast und Christopher Nolan kürzlich sicher auch. Hallo, hallo? Also gut, dann eben nicht. Vielleicht ist sie gerade anderweitig beschäftigt und unterstützt die Drehbuchautoren eines kommenden Marvel- oder DC-Epos. Alles muss man alleine und ohne höhere Inspiration machen.
Szene aus "Die Odyssee" von Nolan
Riesenbudget und Riesenformat
Wirklich Neues bietet Nolan ja nicht, denn er erzählt eine Geschichte, die seit rund 3000 Jahren bekannt ist und im Lauf des letzten Jahrhunderts bereits mehrmals verfilmt wurde – zum Beispiel 1954 mit Kirk Douglas („Die Fahrten des Odysseus“) oder erst 2024 mit Ralph Fiennes („Rückkehr nach Ithaka“). Aber immerhin hat bisher noch kein Regisseur einen derartigen Aufwand getriebene, um diese mythischen Gestalten zum Leben zu erwecken. Bei einem solchen Stoff darf man natürlich nicht an Kosten sparen und darum gilt „Die Odyssee“ mit einem Budget von etwa 250 Millionen US-Dollar als Nolans bisher aufwändigstes und teuerstes Filmprojekt.
Das Werk bietet eine Mischung aus Innovation und Bewährtem. So wurde es als erster Blockbuster vollständig mit 70-mm-IMAX-Filmkameras gedreht. Zugleich setzte Nolan die Zusammenarbeit mit zwei erprobten Partnern fort: Sein Lieblingskameramann Hoyte van Hoytema kam in Marokko, der Westsahara, Süditalien, Griechenland, Schottland, Island und Irland zum Einsatz. Oscarpreisträger Ludwig Göransson komponierte nach „Tenet“ und „Oppenheimer“ erneut den Soundtrack.
Szene aus "Die Odyssee" von Nolan
Riesenstars
Der Trojanische Krieg wurde durch das verhängnisvolle Holzpferd endlich beendet und die Stadt in Schutt und Asche gelegt. Nach diesen aufreibenden Kriegsjahren sind die griechischen Helden müde und wollen so rasch wie möglich in die Heimat zurückkehren, aber dagegen haben laut Homer die nachtragenden Götter etwas und schicken Odysseus mit seinen Gefährten auf langjährige Irrfahrten. Matt Damon in der Hauptrolle muss sich daher listenreich durch diverse Todes-, Liebes- oder Zauberfallen hindurchnavigieren, während die Anzahl seiner Begleiter immer stärker dezimiert wird.
Doch auch in der Heimat Ithaka gibt es große Probleme: Seine Frau Penelope (Anne Hathaway) wird durch eine aufdringliche Freierschar belagert, von denen sich besonders der skrupellose Antinoos (Robert Pattinson) hervortut. Sein Sohn Telemachos (Tom Holland) steht diesem Treiben hilflos gegenüber und muss sogar um sein Leben fürchten.
Wo man hier auch hinschaut, blickt uns ein Star entgegen: Lupita Nyong'o darf gleich in einer Doppelrolle als tragische Helena von Troja und deren rächende Halbschwester Klytaimnestra auftreten. Zendaya richtet als mahnende Göttin Athene immer wieder Worte an Odysseus, und Charlize Theron will als Inselherrscherin Kalypso den gestrandeten Helden volle sieben Jahre nicht weiterziehen lassen.
Szene aus "Die Odyssee" von Nolan
Riesenkönnen
Besonders hervorzuheben ist der kunstvolle Aufbau, dessen verschachtelte Erzählstruktur in vielen Rückblenden auf bestimmte Kernszenen zurückkommt, um ihnen neue Seiten abzugewinnen, wodurch sich erst allmählich ihre volle Bedeutung enthüllt. Die wuchtigen Bilder erreichen oft eine fast delirierende Stärke.
Nolan bleibt den Episoden des originalen Epos treu und setzt uns durch sein inszenatorisches Können immer wieder in Erstaunen. Da tritt uns im einäugigen Schafzüchter und Menschenfresser Polyphem ein haarloses Horrorwesen entgegen, das zugleich wie ein mitleiderregendes Riesenbaby wirkt. Besonders eindrücklich ist jene Szene, in der sich die Krieger unter den Händen der Zauberin Circe in Schweine verwandeln, aber auch ein Unwetter auf hoher See, das schließlich zum Schiffbruch führt, hat man in diesem wellenharten Ungestüm noch nie gesehen. Und wenn Homer einfach hinschreibt, dass Odysseus zuletzt unter den lästigen Freiern in seinem Haus fast im Alleingang ein schreckliches Blutbad anrichtet, zeigt erst Nolan so richtig, welche Kraftanstrengung ein derartiges Gemetzel bedeutet.
Szene aus "Die Odyssee" von Nolan
Riesenschuld und Riesenlob
Zugleich entwickelt der Regisseur geradezu psychologischen Spürsinn, als es darum geht, zu begründen, weshalb Odysseus so viele Jahre für seine Heimkehr braucht. Tatsächlich ist in dieser Lesart der Mann aus Ithaka sein eigener Feind und verzögert die Rückkunft, weil er durch seinen Rat, das trojanische Pferd zu bauen, eine Art Urschuld auf sich geladen hat, die er nun sühnen muss. In welcher Form das geschieht und welche Lösung Odysseus nach der Wiedervereinigung mit Penelope vorschlägt, ist jener entscheidende Schritt, durch den Nolan schließlich Homer hinter sich lässt.
Ob übrigens Homer selbst an diesem Film Gefallen gefunden hätte, ist eher fraglich, da er ja nach einhelliger Überlieferung blind gewesen sein soll. Für uns Menschen des frühen 21. Jahrhunderts hat Nolan jedenfalls einen uralten Mythos auf unnachahmliche Weise wieder aufleben lassen.
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