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© Warner Bros.

Filmkritik
08/21/2020

"Tenet": Ein schwarzer Bond im Rückwärtsgang

Christopher Nolan hat schon Besseres geboten. Der erste Blockbuster nach Ausbruch der Corona-Pandemie ist sehr ambitioniert und sehr verwirrend - aber nicht sehr überzeugend.

von Franco Schedl

Wollte man die Story von Nolans neuem Film mit dem Wort ‚kompliziert‘ beschreiben, wäre das die Untertreibung des Jahres. Wir sind ja von diesem Regisseur schon einige ausgefallene Handlungsführungen gewohnt, aber diesmal hat er sich selbst übertroffen – was jedoch nicht unbedingt bedeutet, dass „Tenet“ deshalb automatisch auch ein guter Film ist. Dafür erscheint die Produktion viel zu überladen: Da versucht ein Regisseur aus Versatzstücken seiner einstigen erfolgreichen Filme wieder eine möglichst ungewöhnliche Geschichte zusammenzubasteln und herausgekommen ist ein Hybrid aus „Memento“ und „Inception“, ohne die Überzeugungskraft eines dieser früheren Werke erreichen zu können. Nolan erscheint nun viel zu zwanghaft um Originalität bemüht.

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Ein namenloser Bond und Pattinson als sein Kollege

Alles beginnt mit einer spektakulären Geiselnahme in einem vollbesetzten Opernhaus und wir werden gleich mitten ins Geschehen geworfen, während ein schwarzer Agent sich unter die russischen Sicherheitskräfte mischt. Dieser namenslose Protagonist ist eindeutig an James Bond angelehnt und absolviert als Top-Agent einen spektakulären Einsatz nach dem andern, falls er sich nicht gerade in der glamourösen Welt der Reichen und Schönen bewegt. Dargestellt wird der vielseitig talentierte Mann von John David Washington, den man ja vor allem aus „BlacKkKlansman“ in Erinnerung hat. Ihm zur Seite steht bei den halsbrecherischen Einsätzen ein draufgängerischer Robert Pattinson, der in dieser Rolle fast wie der junge Oskar Werner aussieht, aber natürlich keine Bühnentexte rezitiert, sondern lieber batman-artig durch Seile gesichert an Hochhauswänden entlangschwebt (er übt also bereits für diese künftige Rolle) oder mit schweren Waffen hantiert.  

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Branagh kehrt den russischen Madman hervor

Der eigentliche Bösewicht trägt hingegen das Gesicht von Kenneth Branagh. Er spielt einen russischen Oligarchen, der sich gerne mit großer Kunst umgibt, falls er nicht gerade mit Plutonium handelt und seine Frau schikaniert. Auch ansonsten ist der Mann ein Garant für allerlei unangenehme Überraschungen und könnte aus bestimmten Gründen praktisch die ganze Welt auslöschen. Branagh verwandelt sich hier immer wieder in einen hochgradig gefährlichen Berserker, der seinen Gegnern böse Verstümmelungen androht oder auch mal mit einem Goldbarren zuschlägt – seine eigentliche Leistung besteht aber eindeutig darin, die ganze Zeit über den russischen Akzent durchzuhalten (ähnlich wie er als Hercule Poirot unseren Ohren mit Französisch zugesetzt hat). Eine liebende Mutter, die alles für ihren Sohn tun würde, verkörpert schließlich Elizabeth Debicki (die künftige Lady Di in den beiden letzten Staffeln von „The Crown“).

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Paradoxe Szenen

Wie der von beiden Seiten lesbare Titel „Tenet“ - ein sogenanntes Palindrom -,  ja bereits verrät, ist hier der Vorwärts- und Rückwärtsgäng gleichermaßen wichtig, weil sich die Zeit dank bestimmter Techniken umkehren lässt. Gegenstände, aber auch Personen können dieser Inversion unterliegen und bewegen sich dann verkehrt durch die Zeit. So ergeben sich immer wieder absurde Situationen: Wirkt es nicht wahrhaft paradox, wenn ein Mann mit sich selber im Krebsgang kämpfen muss oder zu verbrennen und gleichzeitig an Unterkühlung zu sterben droht?  Und wirklich surrealistisch mutet es an, sobald eine Autoverfolgungsjagd mit einem offenbar im Rückwärtsgang fahrenden Wagen an der Reihe ist. Auch bereits bekannte Szenen werden auf diese Weise unter neuer Perspektive einige Minuten später noch einmal durchlebt. Und beim großen finalen Geballer, das an ein echtes Wüsten-Kriegsspiel erinnert, treten zwei verschiedenfarbige Teams in Aktion, von denen das eine vorwärts und das andere rückwärts kämpft.

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Warnung ans Publikum

Derartige Absurditäten visualisiert Nolans Lieblingskameramann Hoyte Van Hoytema, der bereits bei „Interstellar“ oder „Dunkrik“ mit ihm zusammengearbeitet hat, wahrlich sensationell und entschädigt  zumindest unsere Augen für manchen sonstigen Leerlauf, der durch die bombastisch aufgeblähte Handlung entsteht, in die auch noch ein paar philosophische Sätze eingestreut wurden, um krampfhaft zusätzliche Tiefe zu erzeugen. Als eine Wissenschaftlerin den schwarzen Agenten erstmals mit dem Phänomen der Inversion vertraut macht, schickt sie gleich die Warnung voraus: „Versuchen Sie gar nicht erst, das zu verstehen.“ Genauso könnte man das Publikum vor dem Kinobesuch warnen: „Erwarten Sie sich nicht zu viel von diesem Film.“ Wir können zumindest die Lehre daraus ziehen, dass John David Washington ein idealer James Bond-Nachfolger wäre; aber vielleicht gibt ja auch Tom Cruise in absehbarer Zeit aus Altersgründen seine „Mission Impossible“-Rolle als Ethan Hunt an ihn weiter.

2 ½ von 5 Retourfahrscheinen

P.S. Richtig seltsam war übrigens, dass die Pressevorführung erst 2 ½  später als angekündigt beginnen konnte, was ja exakt der Filmlänge entspricht. Vielleicht muss das Werk vor jeder Vorstellung erst verkehrt herum abgespielt werden, damit die kosmische Balance nicht durcheinandergerät.

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In Christopher Nolans Film geht es um internationale Spionage, Umkehrung der Zeit und das Ende der Welt.