J'ai faim, j'ai froid

 F 1984
Independent 
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Zwei Mädchen fahren von Brüssel nach Paris. Sie stellen fest, daß sie nicht einen Groschen haben. Ihnen ist kalt und sie haben Hunger. Frei zu sein, ist doch schwieriger, als sie dachten.

Eine Episode aus dem Leben der Stadt, aus dem Leben eines oder mehrerer Menschen in der Stadt, gefilmt aus dem Stegreif und ohne großen Aufwand - das war die Grundidee für den Omnibusfilm Paris vu par ... von 1964, der eine Art Apotheose der Nouvelle Vague sein sollte. Zwanzig Jahre später wurde die Idee für eine Fortsetzung wieder aufgegriffen. Chantal Akerman war eine von sieben Regisseuren, die eine Episode beisteuerten. Was tun zwei junge, fast noch minderjährige Belgierinnen, die von zuhause abgehauen sind, in der großen, unbekannten Hauptstadt des Nachbarlandes? Sich die Nacht, sobald sie angekommen sind, um die Ohren schlagen? Keineswegs. «Ist Paris denn schön?», fragt die eine, worauf die andere antwortet: «Das werden wir morgen sehen, gehen wir erst mal schlafen.» Nein, die beiden sind keine Abenteuerinnen, oder nicht im üblichen Sinne. Was sie amnächsten Tag umtreibt, ist vor allem die ständige Jagd nach Nahrung, die, wenn ergattert, geradezu verschlungen wird. Kaum haben sie für ein doppeltes Frühstück die Zeche geprellt, heften sich ihre Blicke an die Schaufensterauslage der nächsten Metzgerei. Zwar wollen sie sich, wie sie einander gestehen, auch verlieben, doch nehmen sie vor den ersten Bewerbern sogleich Reißaus und suchen lieber den nächsten Imbiss. Erst am Abend, wenn ein Mann die beiden, die kein Geld haben, nicht nur im Restaurant, sondern auch zu sich nachhause einlädt, geschieht es, dass die eine sich zu ihm ins Bett legt, während die andere in der Küche zwei Eier verspeist. Ein kurzer Aufschrei (oder vielmehr: das verkürzte Zitat eines Aufschreis) der einen beim Orgasmus, lässt die andere beim Essen innehalten. Die Frage des Mannes, ob es für sie das erste Mal gewesen sei, beantwortet die eine noch trocken mit «Ja», dann packen die beiden Mädchen ihre Siebensachen. Auf einer verlassenen Straße gehen die beiden in die Dunkelheit, immer weiter, bis sie nicht mehr zu sehen sind. Die inszenatorische Intelligenz Akermans zeigt sich in dem Film, der nur zwölf Minuten lang ist, in schönster Blüte und Klarheit. So können wir deutlich sehen, dass sich gerade ihre (leider noch zu sporadischen) Komödien, zu denen auch diese Episode zählt, durch eine vollkommen eigenständige und im besten Sinn moderne Assimilierung ganz unterschiedlicher Einflüsse auszeichnen. Dazu zählen etwa die Dialoge, deren Rasanz das Erbe der Screwball Comedies von Howard Hawks antreten, deren Nüchternheit und Kühle im Ton jedoch vielmehr dem Kino von Robert Bresson entstammen. Diese Einflüsse mögen dem Film unbewusst sein, doch speist sich seine Inspiration aus ihnen. Auch bildet die exquisite, ein wenig harte und kontrastreiche Schwarzweißfotografie, ähnlich wie die mancher Filme von Aki Kaurismäki, eine Art Kontrast zum durchweg Komödiantischen des Geschehens. Doch was heißt komödiantisch? Es ist der Duktus, die Sprechweise des Genres, worauf der Film einschwenkt, wenn er in äußerster Verkürzung von etwas erzählt, was nicht in erster Linie lustig ist. Jene Art «éducation sentimentale », die die Frauen erleben und in der sich auch Biografisches aus dem Leben Akermans spiegelt (auch sie ging in der Jugend von Belgien nach Paris), dauert in Wirklichkeit vielleicht Jahre, hier jedoch geschieht sie im Schnelldurchlauf, an nur einem Tag. Stefan Flach Dieser Film wird gemeinsam gezeigt mit L' Homme à la valise.

(Text: Viennale 2011)

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Chantal Akerman

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