Jeune femme a sa fenêtre lisant une lettre (Young Woman at Her Window Reading a Letter)

 F 1984
Independent, Avantgarde 45 min.
film.at poster

Wie oft kann in Filmtexten gelesen werden, dass man Bilder sehen müsse, weil man sie nicht beschreiben könne. Doch was heißt überhaupt: sehen und beschreiben? Sehen heißt im Kino keineswegs, nur bewegte Bilder auf der Leinwand zu betrachten. Es heißt auch, den Zusammenhang der Bilder, ihr Einwirken aufeinander zu erfahren. Die Filme des französischen Ausnahme-Regisseurs Jean-Claude Rousseau können als Belege dafür angesehen werden, wie und dass man sich als Zuschauer seine eigenen Bilder kreieren muss, ja sie sind sogar eine Aufforderung dazu. Vor 24 Jahren drehte Rousseau den 45-minütigen Jeune femme à sa fenêtre lisant une lettre - ein Schlüsselfilm zum Verständnis für das Werk Rousseaus. Der Titel bezieht sich auf ein Gemälde von Vermeer («Femme lisant une lettre face à une fenêtre ouverte», 1657), und tatsächlich sieht man einmal einen Mann - Rousseau selbst - mit einem Brief in Händen in identischer Haltung mit der jungen Frau auf dem berühmten Bild. Vermeers Vorbild, das Rousseau selbstverständlich für einen kurzen Moment einblendet, unterstreicht die Verwandtschaft zwischen Malerei und Film: In fast allen seinen Werken thematisiert Rousseau die Frage nach dem Festhalten der Zeit und nach der «inneren» Qualität des Augenblicks. Nie verlässt die Kamera in Jeune femme ... den Raum, sondern rückt unentwegt das Fenster - mit seinen Doppelflügeln einem Diptychon ähnlich - als zentrales Motiv ins Zentrum. Das Fenster ist für Rousseau wie die Leinwand ein Rahmen (man sieht bereits zu Beginn des Films die Rückseite eines Gemäldes, das an der Wand lehnt), der eine Grenze markiert. Doch eine Welt vorzufinden und eine andere zu erschaffen, muss kein Unterschied sein. (Michael Pekler)

(Text: Viennale 2008)

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Jean-Claude Rousseau
Jean-Claude Rousseau
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