Letters Home

 F 1986
Independent 
film.at poster

Delphine Seyrig der Kamera gegenüber. Ihre Stimme. Worte von Sylvia Plath. Korrespondenz Mutter-Tochter. Delphine und ihre Nichte Coralie

. Akerman filmt die Stimme und, ja, das gelingt ihr. In einer frontalen Anordnung, die man als nicht-kinematografisch ansehen könnte - kein Dekor, nur nutzbare Objekte, um die Körper einander nahe zu bringen, darunter ein Bett, das Bett. Akerman geht nahe heran, ganz nah an den Mund. Die Wörter, wie der Hauch der Seele, sind anscheinend beruhigend: Maman, mir geht es gut, wiederholt die Tochter in einem fort. Akerman vermag das Dazwischen der Worte zu filmen. Sie kommt, als Cineastin, aus der Ära des Zweifels. Die Spalte, der Riss, der Sprung. Die Körper von Mutter und Tochter sind da, vor uns, zugewandt, schön, wie ein Block. Ja, sie stehen aufrecht da. Sie schauen sich an, wenn sie nicht die Kamera, also uns fixieren. [...] Das Mutter-Tochter-Thema ist gut in Akermans Filmografie verankert. Vom letzten, Demain on déménage, über Letters Home, ohne Jeanne Dielman zu vergessen, welche die Mutter von Anna sein könnte, versucht Chantal Akerman - nicht umsonst eine unermüdliche Leserin von Marcel Proust - das zu fassen, was gleichzeitig weh tut und gut tut zwischen Mutter und Tochter; und wie die Abwesenheit ein Bedürfnis nach gegenseitiger Anerkennung hervorbringt, welches auf der Seite der Tochter, wenn sie wieder zusammenkommen, sich ganz nah sind, einen Stachel hat. Die Szene in Demain on déménage, wie die Mutter sich ins Bett der Tochter kuschelt, weil sie einen Anfall von Schwermut hat, wird lange in Erinnerung bleiben. Von daher die Bedeutung des Schreibens. Die Tochter in [i]Demain on déménage[/film] verfasst ein Szenario für einen vage pornografischen Film. Sie findet das nicht toll, aber das schützt sie vor dem allzu Vereinnahmenden der Mutter. In News from Home wiederum heben die Briefe, weil da Trennung ist, die Distanz auf. [...] Dieser Film, auf Video gedreht, ist das, was man in unserem Jargon schlecht als «Erschleichung» [captation] bezeichnet, ein hässliches Wort, das sagen soll, dies sei kein Film, sondern die mediale Wiedergabe einer im übrigen sehr schönen Aufführung, einer Theater-Inszenierung von Françoise Merle. Woher kommt dann aber, wenn der Zuschauer den Film sieht, diese Empfindung von Aufruhr und Glück? Weshalb kommt diese Angst auf, dieses Vorgefühl einer Katastrophe. Weshalb ist man dermaßen verblüfft über diesen Wind der Freiheit - was die Realisierung betrifft und auch die Atmosphäre von psychologischer Spannung. Zweifellos deswegen, weil das Kino in der Lage ist, zwei Stimmen zu vereinen, um so etwas wie ein herzzerreißendes Concerto zu komponieren - einer Mutter, die weiß, dass sie nichts tun kann, um ihre Tochter zu beschützen, einer Tochter, die weiß, dass sie vergeblich ankämpft gegen die Überflutung ihres Selbsts, die es, der Essenz nach, zum Verschwinden bestimmt. Laure Adler «Chantal Akerman: Autoportrait en cinéaste», Cahiers du cinéma, Paris 2004

(Text: Viennale 2011)

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Chantal Akerman

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