Das Brot der frühen Jahre

 BRD 1961
Drama, Literaturverfilmung 84 min.
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Walter Fendrich ist ein Ost-Flüchtling, 26 Jahre alt, vor fünf Jahren nach West-Berlin gekommen, wo er als Waschmaschinentechniker arbeitet und mit der Tochter des Chefs verlobt ist. Und dann wird alles anders durch eine junge Frau, die ihn sein Vater in einem Brief vom Bahnhof abzuholen ersucht. Hedwig kommt aus seinem Heimatort und erinnert ihn an die existenzielle Not seiner Kindheit, die er in dem aufblühenden Wohlstand des Westens zu vergessen begonnen hat. Das Leben, das plötzlich zu einem Stillstand kommt, glaubt er nun als nicht seines zu erkennen. Fast wäre er in ein anderes Leben eingestiegen wie man aus Versehen in den falschen Zug steigt, heißt es bei Böll, dessen Novelle Vesely als präzises Ausgangsmaterial für seine nervösen Zeitbrüche verwendet, in denen sich die mühsame Herauslösung des jungen Mannes aus dem sich bereits verfestigenden Leben vollzieht. Das Brot der frühen Jahre war der Frontfilm der rebellierenden «Oberhausener», die «Papas Kino» 1962 für tot erklärten. Der Produzent, der Regisseur, der Kameramann und der Hauptdarsteller zählten zu den Verfassern und Unterzeichnern des Manifests. Entsprechend groß war der Druck, als der Film unmittelbar nach dem Oberhausener Eklat nach Cannes eingeladen wurde. Seine antipsychologische, dem Nouveau Roman verwandte Umkreisung eines Themas und seine fotografische Auffälligkeit entsprachen nicht den Erwartungen, der Film war ein Misserfolg. Bemerkenswert ist die Heftigkeit, mit der dem Film in Deutschland begegnet wurde. Mit «Oberhausen» ist sie nicht alleine zu erklären. Ein kleiner Hinweis von Leo Tichat, dem Ko-Drehbuchautor des Films, könnte als Fingerzeig dafür dienen, welche anderen Erwartungen der Film nicht erfüllte. Tichat erzählt [siehe Fußnote 8 des Haupttextes], dass die Idee zu dem Film von dem Kameramann Wolf Wirth ausging, der etwas Ähnliches wie Amore in Città machen wollte. Dieser Episodenfilm von 1953, an dem u.a. Cesare Zavattini, Fellini und Antonioni mitwirkten, ist ein Beispiel des in Wandlung begriffenen italienischen Neorealismus. Als sich Vesely um 1959 oder 1960 für Bölls Erzählung von 1955 entschied, muss diese ursprüngliche Idee längst in den Hintergrund getreten sein, denn schon diese Vorlage war davon weit entfernt. Nicht nur dem Film, sondern auch dem Buch wurde von der Filmkritik vorgeworfen, den politischen und sozialen Hintergrund der Geschichte weitgehend zu ignorieren, also nicht jene Eigenschaften zu besitzen, die den Neorealismus ausgezeichnet hatten. Stattdessen unternahm der Film, wie der Rezensent der «Filmkritik» (6/1962) schrieb, den Versuch, «den deutschen Film im Parforce-Ritt zu revolutionieren». Ein solches, die formalen Mittel betonendes, Vorpreschen, meinte er, konnte nicht gut gehen; Deutschland litt daran, dass jene Epoche, für die ein Film wie Amore in Città stand, als Grundlage fehlte. Die Kritik endet denn auch mit der folgenden Erklärung für Veselys vermeintliches Scheitern: «Vielleicht liegt es einfach daran, daß eine Neue Welle eben eine alte voraussetzt. Und wo hätten wir diese?» Das Brot der frühen Jahre ist nicht nur ein zu Unrecht missachteter Film, sondern einer der interessantesten seiner Zeit.

(Text: Viennale 2006)

Details

Christian Doermer, Karen Blanguernon, Vera Tschechowa, Eike Siegel, Thilo von Berlepsch, Gerry Bretscher
Herbert Vesely
Attila Zoller
Wolf Wirth
Herbert Vesely, Leo Ti (Tichat)

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