Nouvelle Vague

1990

Beginn der vierten Welle in Godards Schaffen und ein Höhepunkt.

Min.89

«Ich kann nicht erzählen», sagt Jean-Luc Godard, aber das stimmt nicht. Er will nicht erzählen, jedenfalls nicht eine Geschichte auf Kosten der vielen, die wegen dieser einen dann verschwiegen würden. Zwar gibt es so etwas wie eine Handlung: Eine schöne, reiche Gräfin (Domiziana Giordano) liest von der Straße einen Unbekannten auf (Alain Delon) und verliebt sich in ihn. Auf einer Bootsfahrt zieht sie ihn ins Wasser; er kann nicht schwimmen und versinkt in den Wogen. Da taucht sein Bruder auf (Alain Delon), oder vielleicht ist es auch derselbe, nur ist er diesmal nicht melancholisch und stumm, sondern ein tüchtiger Geschäftsmann Alain Delon, der Star, wie man ihn kennt. Sie verliebt sich in ihn, auf der Bootsfahrt zieht er sie ins Wasser, sie versinkt in den Wogen, aber er reicht ihr die Hand. «Das warst du?», sagt sie. (Christiane Peitz) Wenn Godard die Töne mit der Feinnervigkeit eines Komponisten miteinander in Einklang bringt und Reibung zwischen ihnen erzeugt, lässt er dadurch Schatten und Funken entstehen; ich sehe ihn als Magier, der einen Vogel aus einem Hut zaubern kann, denn die Elemente beinhalten sich gegenseitig.

Godard nimmt die Töne aus der Welt, ziseliert sie, isoliert sie aus ihrem eigentlichen Lebenszusammenhang: ein Bellen, ein Musikfragment, ein paar Worte eines Schriftstellers, ein Läuten, Klingeln, das Rauschen der Wellen verleiht ihnen Fremdheit, sie werden Ereignisse durch ihr Eigengewicht, mit dem sie intervenieren, Brüche erzeugen, durch ihr Gewicht des Tragischen, des Geheimnisvollen. Die Materialität des Tons ist es, die Emotion entstehen lässt. Nouvelle Vague erfindet eine konkrete Musik, die sich nicht nach Takten erfassen lässt, spielt mit dem Irrationalen. Könnten wir nicht anerkennen, dass wir aus demselben Material wie die Träume gemacht sind? (Claire Bartoli, «Das innere Auge»)

  • Regie:Jean-Luc Godard

  • Kamera:William Lubtchansky, Christophe Pollock

  • Autor:Jean-Luc Godard, Richard Debuisne

  • Musik:Paolo Conte, David Darling, Paul Hindemith, Meredith Monk, Dino Saluzzi, Arnold Schönberg, Patti Smith

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