© warner bros.

Filmkritik
04/18/2018

"The 15:17 to Paris": Eine aufregende Heldentat und ihre langweilige Vorgeschichte

Clint Eastwood widmet erneut einen Film dem amerikanischen Heldenmut und erzählt von einem vereitelten Terroranschlag.

von Franco Schedl

Eigentlich hätte alles ganz schnell vorüber sein können, denn die Schlüsselszenen in diesem Werk sind in knapp 20 Minuten fertigerzählt: am 21.8.2015 verhindern drei Amerikaner in einem Hochgeschwindigkeitszug Richtung Paris einen terroristischen Anschlag, indem sie eine stark bewaffnete Einzelperson überwältigen. Clint Eastwood hat für seinen neuen Film jedoch einen anderen Ansatz gewählt und eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen.  

1517-to-paris-5.jpg

Eine lange Rückblende

Eine Mischung aus wundersamen Zufällen und idealen Voraussetzungen hat bewirkten, dass mit den drei US-Bürgern die passenden Männer zur richtigen Zeit am rechten Ort gewesen sind. Um das zu beweisen, muss der Regisseur für eine lange Vorgeschichte weit ausholen: die Erzählung beginnt in der Kindheit der Drei, als sie sich kennengelernt haben.  Musterschüler sind sie alle nicht gewesen, wurden in der christlich geprägten Schule oft zum Direktor vorgeladen, wuchsen bei ihren Müttern auf, haben sich – als typisch amerikanische Jungs - durch Waffenliebe ausgezeichnet, träumten von einer Militärkarriere und sind über all die Jahre hinweg immer in Verbindung geblieben, bis sie schließlich beim gemeinsamen Europatrip wieder aufeinandertreffen.  

1517-to-paris-2.jpg

Der eigentliche Held heißt Stone

Die Hauptfigur in diesem Trio ist eindeutig Spencer Stone, denn er hat in der Ausnahmesituation die Initiative ergriffen. Bereits ein Vorfall aus seiner Militärausbildung beweist, dass er keiner ist, der bei Gefahr den Kopf einzieht, sondern sich der Bedrohung lieber direkt stellt. Auch seine guten Kenntnisse in Erster Hilfe-Leistung erklären sich aus diesem Training.  Der Film macht uns klar, dass man trotz schwierigen Startbedingungen etwas Besonders leisten kann. Spencers Berufswünsche sind zwar nicht wirklich in Erfüllung gegangen, obwohl er viel Ausdauer bewiesen hat, um sie zu erreichen, doch all seine früheren Rückschläge und Enttäuschungen scheinen nun durch seine Tat aufgehoben zu sein. Gottesfürchtig ist er obendrein, denn als er nach dem Vorfall, durch Sanitäter verarztet, auf dem Bahnsteig sitzt, beginnt er zu beten (und zwar laut, damit wir auch wirklich alle mithören können).

1517-to-paris-3.jpg

Eine ungewöhnliche Entscheidung

Und nun zur anfangs erwähnten „ungewöhnliche Entscheidung“. Bei den Hauptfiguren handelt es sich nicht etwa um Schauspieler, sondern die drei Männer verkörpern tatsächlich sich selbst. Authentischer geht es wohl nicht -  und dennoch liegt in dieser Rollenwahl zugleich die Schwäche des Films: Eastwood lässt seine drei echten Protagonisten Situationen, die sie so oder so ähnlich erlebt haben, einfach noch einmal durchspielen, obwohl sie keine professionellen Akteure sind. Wir begleiten die Freunde langmächtig auf ihrer Europa-Tour und müssen auf dem Trip durch diverse Hauptstädte ein Sightseeing-Programm mit Postkartenmotiven absolvieren. Zugleich werden wir mit der Information versorgt, dass sie die Nacht vor dem großen Ereignis fast durchgemacht haben und ziemlich verkatert aufgewacht sind. All das bietet keinen echten Mehrwert und trägt nur zur künstlichen Verlängerung des Films bei.  Eastwood scheint das auch selber zu ahnen, denn warum sonst schneidet er im ersten Filmdrittel in die Vorgeschichte immer wieder kurze Szenen vom Beginn des versuchten Attentats hinein? Das wirkt, als wollte er seine Zuseher bei Laune halten, indem er ihnen zeigt, was dann später auf sie wartet, falls sie genügend Geduld aufbringen, die erste Stunde zu überstehen.

1517-to-paris-4.jpg

Eastwoods Trilogie des Heldenmuts

Nach dem „American Sniper“ und Flugkapitän „Sully“ ist das für Clint Eastwood nun bereits der dritte Film in Folge, den er amerikanischem Heldenmut widmet. Bloß wäre er in diesem Fall besser beraten gewesen, gleich eine Dokumentation zu drehen. Als solche endet der Film dann nämlich auch, wenn wir in Originalaufnahmen zu sehen bekommen, wie Frankreichs Präsident Hollande die tapferen Männer in einem feierlichen Staatsakt mit Orden der Ehrenlegion dekoriert. Diese Auszeichnungen haben sie zweifellos verdient – diesen Film weniger.             

4 von 10 mutigen Taten

Drei US-Amerikaner verhindern durch ihr rasches Einschreiten einen Terroranschlag in einem Zug nach Paris. Clint Eastwood inszeniert einmal mehr US-amerikanisches Heldentum auf Basis einer wahren Geschichte.